Atelisch
Beschreibe die Zeit. Nein, ganz im Ernst, versuch es mal.
Du willst etwas über eine Abfolge von Ereignissen sagen, nicht wahr? Sekunden, die auf einer Uhr vorbeiziehen und in der Unendlichkeit verschwinden. Nur zu, setze deine Metaphern ein: Eine Linie. Eine Schlaufe. Ein flacher Kreis. Ich habe einmal gehört, wie jemand gesagt hat, die Zeit sei wie Wasser. Wenigstens mal was Neues.
Die Vex sind dem Verstehen am Nächsten. Sie betrachten die Zeit mit Abstand. Wenn die Zeit ein Fluss ist, dann sind wir die Fische und sie die hinabtauchenden Vögel. Was bedeutet Nässe für einen Fisch? Was hingegen für einen Fischadler, der nie von der Spiegelung der Wasserfläche getäuscht wurde?
Jetzt wirst du sagen: „Aber warte mal. Ist das nicht alles ein bisschen zu abstrakt, selbst für das körperlose Echo eines Toten im Garten?“ Du willst handfeste Wahrheiten? Etwas Simples, leicht Verdauliches? Eine Geschichte, die die Dunkelheit vertreibt?
Du willst, dass die Zeit eine Treppe ist, die wir ewig hinaufsteigen. Aber hey, auch ein Hüter macht ab und zu mal einen Schritt zurück. Stirbst du, wenn dein Geist in Reichweite ist, dann setzt er dich auf den Zeitpunkt vor der tödlichen Kugel zurück, so dass du ein neues Schicksal schmieden kannst, das dir besser gefällt. Auf der Erde ist nichts mehr simpel, seit diese riesige weiße Billardkugel aus dem Nachbarviertel angerollt ist. Und die Geschichten wirken auch nicht mehr so gut als Nachtlicht.
Jetzt wirst du sagen: „Aber der Reisende ist unser Freund, der Reisende mag uns, ihm verdanken wir ein Goldenes Zeitalter und Gartenwelten und Hüter.“ Du wirst sagen, dass du nicht mehr leben würdest, wenn er nicht gewesen wäre, du Schlaumeier.
Wenn er nicht gewesen wäre, würde ich auch nicht im Schwarzen Garten festsitzen und mit mir selbst Wetten darüber abschließen, welcher Goblin als Nächstes auf einem nassen Blatt ausrutschen und von einer Klippe stürzen wird. Du hast schon mein Licht genommen, also nimm auch meinen Rat.
Ich weiß, dass die Leere immer noch ruft. Aber ich bin ungebunden—ich erreiche sie nicht mehr. Wenn ich also Recht damit habe, dass ich dich erreichen kann, dann spitz deine Ohren. Mir ist egal, wie sehr du es hasst, das zu hören. Es ist wichtig.
Die Vex verstehen die Zeit auf eine Art und Weise, wie wir es nie können werden. Egal, wie lange ich sie von hier aus beobachte. Egal, durch wie viele notdürftige Portale sich die Hüter stürzen. Wir leben in der Zeit. Für sie ist sie ein Werkzeug. Sie können zu jedem Augenblick gehen, der je geschehen ist oder geschehen wird. Sie können ihn wiederholen, bis alles stimmt; ihn simulieren.
Das Licht steht dem entgegen. Wenn sie zurückkommen, kommt ein Hüter zurück. Wenn sie ein Ende simulieren, zerreißt ein Hüter es. Es ist eine Pattsituation.
Aber die Vex im Garten, die machen vor dem Herz des Gartens einen Kniefall. Es gab ihnen Kraft, bis du vom Glück gesegnet wurdest. Die Vex draußen kalkulierten anders. Sie flüchten. Aber die Vex drinnen treffen täglich die gleiche Vereinbarung, die du jeden Tag deines unnatürlichen Lebens triffst. Und wer sagt denn, dass sich das nicht schon bald wieder für sie rechnen wird?
Die Vex kannst du nicht verstehen und das Herz willst du nicht verstehen. Aber ist deine Ignoranz leichter zu verzeihen, wenn sie deiner Absicht entspringt?
Viele Fragen und nicht viele Antworten. Pass lieber auf, sonst wirst du in ihnen ertrinken, genau wie du in der Zeit ertrinken wirst, ob sie nun einem Fluss gleicht oder nicht.
Siehst du?