The Grimoire Archive
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Assumption, Illinois, 1938

Ich bin 13 Jahre alt. Ich hab den alten Truck von meinem Vater geklaut und bin auf dem Weg zu Onkel Tomás. Ben mitzunehmen, hatte ich nicht geplant. Und ich hatte auch nicht geplant, dass mir das Benzin ausgeht. „Gib doch mal ordentlich Gas“, bemerkt Ben spöttisch mit hoher Stimme. Er läuft hinter mir her, die Hände in den Taschen. „So langsam, wie du fährst, kommen wir erst in den 40ern an.“ „Halt die Klappe“, schnauze ich ihn an. „Und meine Stimme klingt viel tiefer.“ „Eine große Ameise ist immer noch ein kleines Insekt“, sagt Ben. Er kickt einen Stein zum Straßenrand. Wir sind irgendwo weit südlich von zu Hause auf der Route 51. Ich schleppe einen Benzinkanister. Ich bin dran, Ben hat ihn die letzte Meile getragen. „Glaubst du, da oben ist eine Tankstelle?“, frage ich. Ben antwortet nicht. Ich höre auf zu stapfen. Als ich vom Boden aufsehe und gegen das grelle Licht blinzele, sehe ich, warum er wie festgenagelt dasteht. „Assumption“, sagt Ben. „Wie bei der Messe.“ „Seltsamer Name für eine Stadt“, antworte ich. Das Ortsschild ist verschwommen, aber ich kann es größtenteils noch lesen. Es ist hell. „Wer ist das?“, fragt Ben. Er zeigt direkt hinter das Schild. Vor uns flimmert eine Silhouette wie heiße Luft über der Straße – aber dafür ist es eigentlich nicht warm genug. Die Gestalt stolziert auf uns zu, mal humpelt sie, mal nicht. Eine beklemmende Übelkeit steigt mir wie ein Kloß in den Hals. „Versteck dich hinter mir, Lou“, sagt Ben. Er steckt die Hand in die Hosentasche und zieht sein Taschenmesser. Die Klinge reflektiert das Sonnenlicht und blitzt auf. Dann bleibt er stehen. Kalte Luft – so muss der Himmel wohl schmecken. Scharfe Kohle. Ich spüre, wie etwas Kribbelndes durch mich hindurchschießt – wie ein Sonnenbrand von innen heraus. mein name ist garten und wiege und die masse, nach der alle anderen körper gemessen werden, und ich bin eure mutter nur keine angst, stellt mir ruhig eine frage, bevor der tod mich aus diesem moment reißt schreien ist keine frage, mein schatz ben wird es gut gehen, du wirst ihm keine unerträglichen schmerzen bereiten noch eine frage nein, mein schatz, das kann ich nicht, dein schicksal ist blind, doch du wirst ins jenseits hineinspähen können „LOU, OH GOTT, WACH AUF, ACH, HEILIGE MUTTER, WACH AUF!“ Ben gibt mir eine Ohrfeige, und ich wache schreiend auf. Ben drückt mich fest an sich. Ich spüre, wie sein Herz neben meinem schlägt. Zitternd umklammert er mit seiner Faust das Taschenmesser, dessen Klinge in Richtung Assumption sticht. Eines Tages werde ich verstehen, dass seine Angst nicht dem Ding galt, das wir gesehen haben, sondern dem, was es mir hätte antun können. „War das der Teufel?“, flüstert Ben. „Keine Angst, Ben“, antworte ich. „Ich glaub nicht, dass es der Teufel war.“ Wir trennen uns. Aber ebenso wenig glaub ich, dass es etwas Heiliges war. Es war noch etwas ganz anderes. Etwas Drittes.