WIEDERHERGESTELLTE ERINNERUNG; CLOVIS-43
13. JUNI/15:46 UHR
„So weit ist es also gekommen“, sage ich mit einem leicht frechen Unterton.
„Wie weit?“ fragt Elsie.
„Ich habe dich nicht in die Exo-Wissenschaft zurückgebracht, um bloß einen Spaziergang im Schneesturm zu machen“, sage ich.
Sie lacht. „Nein, das habe ich mir schon gedacht.“
„Ich habe ein Geschenk für dich. Hinter dieser Tür dort.“
„Er ist hinter dieser Tür.“
„Ganz genau.“ Ich klopfe ihr auf die Schulter, bevor wir hineingehen, wo wir die Clovis-KI mutterseelenallein vorfinden.
„Wenn das nicht die Retter Europas sind. Schon fertig mit der Säuberung der restlichen Kolonie?“ fragt die KI.
„So gut wie“, sage ich und nicke Elsie zu. Die KI weiß, was jetzt kommt.
„Du musst das nicht tun, Clovis-1.“
„Es heißt jetzt 43. Und mein Name ist nicht Clovis. Nicht mehr“, sage ich und schaue Elsie an. „Darf ich bitten?“
„Sehr gerne.“ Sie geht zur Hauptkonsole. Scannt.
„Aber ich …“, beginnt er zu betteln. Doch wir geben seinen schmierigen, aalglatten Worten keine Gelegenheit, jemals wieder an unser Gehör vorzudringen.
Sie gibt eine komplexe Codereihe in die Konsole ein. Dann spricht sie die letzten magischen Worte: „Künstliche Intelligenz deaktivieren.“
Das Leuchten in den Augen des riesigen Exos verlischt. Ich weiß, wenn Elsie lächeln könnte, hätte sie jetzt ein riesengroßes Grinsen in ihrem Gesicht.
„Also dann“, sagt sie, „können wir jetzt endlich von diesem eisigen Höllenmond verschwinden?“
Noch nicht. „Ich habe noch eine letzte Bitte.“
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„Bist du sicher? Das ist der letzte Rest radiolarischer Flüssigkeit“, sagt sie.
Viele der Seelen, die wir durch die Hand der Vex und die Schreckensherrschaft von Clovis verloren haben, sind für immer von uns gegangen. Dennoch haben wir es geschafft, einige wenige zurückzubringen. Und von dieser Welt fortzuschaffen. Jetzt sind nur noch wir übrig. Und unsere Wege werden sich bald für immer trennen.
Ich verstehe ihre Besorgnis. Endlich bekommt Elsie einen Großvater, der ihre Zeit wert ist, und doch stehe ich schon wieder vor einem weiteren Neustart. Sie verdient zu erfahren, warum.
„Als wir deinen aktuellen Speicherabdruck um das Modul E1-815 ergänzt haben, hast du all deine Erinnerungen zurückerhalten. An deine Familie. Deine Schwestern. Deinen Bruder. Deine Mutter und deinen Vater. An den Schmerz. Den Verlust. Die Schuld.“
„Ja …"
„Elsie, ich bin der Grund für all das.“
„Du bist nicht er.“
„Ich werde immer sein Geist sein. Ganz egal, wie sehr wir auch versuchen, es zu ignorieren. Und du … du verdienst es, von dieser Person befreit zu sein.“
Sie neigt den Kopf, was mir zu verstehen gibt, dass sie mir zustimmt. Es schmerzt mich unendlich. Es gab einmal eine Welt, in der wir eine glückliche Familie waren. In dieser ist das nicht so. Und wir beide wissen das.
Ich lege ihr ein Tablet hin.
„Was ist das?“
„Es ist sein Notizbuch. Es gehört dir, wenn du es willst. Schließ es weg, wenn du es nicht willst. Es ist ohnehin weitestgehend verschlüsselt. Ich habe ein bisschen darin gelesen. Über die Person, die ich war … von Angst getrieben. Besessen von ihrem Vermächtnis. Ich werde nicht so werden. Nicht noch einmal. Es ist an der Zeit, dass du und deine Geschwister das Bray-Vermächtnis neu aufbauen, auf die richtige Art. Oder ihr reißt dieses ganze verdammte Ding nieder.“
Ich kann sehen, wie sehr sie Letzteres möchte. Vielleicht wird sie es eines Tages tun.
„In Ordnung“, sagt sie.
Ich weiß nicht, wie ich mich verabschieden soll. Doch sie weiß es. Sie zieht mich an sich heran und gibt mir die erste Umarmung, die ich je erfahren durfte. Sie hält mich fest. Wir teilen den Augenblick. Eine kurze Vorstellung von dem, was hätte sein können. Ein flüchtiger Blick durch den Spiegel.
In diesem Moment wünschte ich, ich wäre in der Lage, Tränen zu vergießen. So oder so – ich fühle mich, als könnte ich es. Und sie auch.
„Tust du mir einen Gefallen?“, frage ich.
„Jeden.“
„Dieser Spitzname, den die anderen Exos mir gegeben haben … Fügst du ihn meinem Speicherabdruck hinzu? Mit meiner Nummer?“
Sie lacht. Es tut gut, ihr Lachen noch einmal zu hören. „Der gefällt dir wirklich, oder?“
„Ist mir irgendwie ans Herz gewachsen.“
„Also gut, Banshee.“
Ich steige in die Kapsel. Die Türen schließen sich. Ich winke ihr noch einmal kurz zu.
Mal sehen, was auf 44 wartet.