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Revanche I

Uldren kehrte während der langen unruhigen Nacht ins Riff zurück, als die Erwachten sich in ihre Betten und Hängematten schmiegten, sich in Eishöhlen und kaum beleuchteten Wohnzylindern zusammenscharten, heimgesucht von Visionen und Vorzeichen. Ihnen erschienen Gesichter im sublimierenden Wirbel des kometaren Eises: Bilder und Porträts, die nicht mehr von ihren realen Gegenstücken zu unterscheiden waren. Alle Statuen waren verschleiert, damit sie für die Passanten nicht wie Leichen wirkten. Etwas hatte sich in ihnen verändert, nachdem sie aus dem äußeren Kosmos zurückgekehrt waren. Ein elektrisches Summen strömte durch die Sehnen ihrer Hände, die Kiefer knackten, wenn sie schluckten und Lichtblitze wie beim Auftreffen kosmischer Strahlung nahmen ihnen die Sicht. Für Mara fühlte es sich an als hätten sie ihre Füße in einen geladenen Ozean gesenkt und die Hände zu einer Art unsichtbarem Kabel über ihnen ausgestreckt: als wären sie jetzt wieder in Kontakt mit den immensen, entgegenwirkenden Kräften, die ein altes Zeichen hinterlassen hatten. „Es fühlt sich an, als wäre ich schändlich geworden“ knurrte Sjur Eido, die in ihrem Leben niemals schändlich war. „Als würden all die alten Wunden in meiner Seele wieder aufbrechen.“ „Die Leute schicken mir Nachrichten“, sagte Mara. Ihr Sensorium hatte den Transit nicht überstanden, deshalb erreichten sie die Nachrichten durch Flüstern und Fetzen kostbaren Papiers. „Sie lauten ... Ich habe dein Gesicht in meinem Traum gesehen. Ich habe deine Augen gesehen. Ich habe deine Stimme gehört.“ „Also geht es nicht nur mir so.“ Uldren war die zweite Person, die ihr an diesem Tag Offenbarungen überbrachte. Die erste war Kelda Wadj, die All-Lehrmeisterin, eine von Maras freudigsten Rekrutierungen für die Expedition: Sie war eine Meisterin der Pädagogik, fähig jeden Geist in Lernbereitschaft zu versetzen, fähig jeden Fakt in eine Flüssigkeit zu wandeln, die man vergießen kann. „Ich komme aus den Gensym-Laboren“, sagte sie, „und sie haben dort etwas Wundervolles herausgefunden. Wir sind jetzt alle ein wenig magisch.“ „Erzähl mir mehr.“ Mara goss ihr ein Gläschen eiskaltes Kometenwasser ein. „Was bedeutet Magie?“ „Eine Art schwache Akausalität.“ Kelda ließ ihre Blütenzwiebelform in eine Hängematte aus verzwirbeltem Plastik sinken. „Sie schießen codierte Neutrinostrahlen durch Freiwillige und es sieht aus, als würden die daraus resultierenden Streumuster vom kognitiven und emotionalen Zustand des Ziels abhängen. Es ist eine sehr zuverlässige Erkenntnis, mindestens vier Sigma, aber der Effekt ist furchtbar gering.“ Mara verdaute das mit einem Schluck antiken Eises, das ihr über die Zunge lief. „Akausalität. Du meinst, was auch immer geschieht—welchen Einfluss wir auch immer nehmen, sagen wir Neutrinostrahlen—lässt sich nicht durch Physik erklären?“ „Nicht durch die Physik, die wir kennen. Offenbar verletzt es einige Erhaltungssätze, was Emmy Noether Kopfschmerzen bereiten würde.“ Kelda erinnert sich an ihre alten Heldinnen der Physik, selbst wenn sie nicht sagen, in welcher Richtung die Sonne liegt. „Geheime Physik.“ Mara dachte an den Reisenden und seine Werke. „Wir haben es alle gespürt, nicht wahr? Wir wissen, dass wir …wie soll man sagen ... im Streit zwischen Licht und Dunkelheit gefangen sind“, wunderte sie sich. „Ohne große Vorzeichen? Wir sind in Kontakt mit bestimmten numinosen Elementen.“ Kelda hielt ihre Tasse hoch, um mehr Wasser zu bekommen „Die Frage ist, Majestät—“ „Nenn mich nicht so. Wir führen hier eine direkte Demokratie.“ Kelda rollte die Augen. „Die Frage ist, stufen wir dies weiterhin als Wissenschaft ein? Lehren wir es als Physik? Die Kausallehre besagt, dass alles, was in einem materiellen System geschieht, eine materielle Ursache hat. Wenn aber symbolische Strukturen im Geist einen materiellen Effekt auslösen ... sollten wir es dann nicht als das bezeichnen, was es ist?“ „Der Tod hatte kein Herrschaftsgebiet.“, flüsterte Mara. „Bitte?“ „Wir sind jetzt im Herrschaftsgebiet des Todes. Wir werden alle wieder sterben. Wir waren im Nebenarm unsterblich, nicht wahr? Ein Teil von uns war ... mit dem Universum im Einklang. Und jetzt, wo wir das Signal des Nebenarms nicht mehr empfangen, sind wir auf etwas Neues abgestimmt.“ In diesem Moment wurde die Luke aufgeschlagen und Uldren stolperte grimmig grinsend herein, eine schaumige Handvoll Zytogel gegen einen Schlitz an seinem Hals pressend. „Aliens!“, krächzte er. „Ich bin auf Aliens gestoßen, und einer von ihnen hat mir die Kehle aufgeschlitzt!“