Misraaks
Der Vandale bückt sich beim Verlassen des Galioten. Alle seine Arme sind auf dem Rücken zusammengebunden, deshalb kann er seine Augen nicht vor dem grellen Sonnenlicht schützen. Ein Windstoß bläht seinen Umhang auf. Hinter ihm ist eine Klippe, vor ihm liegen üppige Gärten. Seine Gefangenenwärterin wird ihm die Ehre eines schnellen Todes nicht gewähren, sie muss also vorhaben, ihn zu foltern. Sie glaubt, er wird nachgeben wie die Fleisch-Liebhaber vom Haus des Urteils. Sie irrt sich. Keine der Demütigungen, die sie sich einfallen lassen kann, sind vergleichbar mit dem, was er verdient.
Mit erhobenem Kinn stellt er sich vor, wie er seine Rüstung ablegt und alle seine vier Arme in die Hände seines Captains legt. Sein Captain ist seine Mutter und sie wird ihn nicht mit einer Sense kupieren. Sie wird ihm die Arme verdrehen und aus dem Körper reißen, als würde sie eine leckere, fette Krabbe zum Abendessen zerlegen, und er wird stolz sein auf die langsamen, üblen Risse und Brüche seiner Knochen. Er wird dankbar sein für die Schande. Soll er doch ohne Gliedmaßen den Rest seines vergeudeten Lebens verbringen. Soll der Durst nach Äther ihn doch ausdürren wie eine Yaviirsi-Feige.
„Woran denkst du?“, fragt ihn seine Bewacherin in einer Sprache, die er nicht versteht. Sie tritt neben ihn und packt ihn an der Schulter. Er zuckt zurück. Sie ist fast so groß wie er und für eine Kreatur ohne Klauen ist ihr Griff stark und sicher.
Gemeinsam betrachten sie die Gärten.
„Ein bisschen viel für meinen Geschmack“, gibt sie zu, als er einen verstohlenen Blick auf sie wirft.
Ihr Bogen ist nicht gespannt. Es ist nur ein Pfeil in ihrem Köcher.
Sie ist dumm.
Er wirbelt herum, bringt sie zu Fall und sprintet Richtung Klippe. Sie flucht, kommt wieder hoch und hechtet ihm nach. Als er sich von der Kante stürzt, denkt er an die Schande für seine Mutter und betet, dass sie ihn vergisst. Besser, sie hätte nie einen Sohn gehabt, als einen Weichling, der sich so leicht vom Feind gefangen nehmen lässt.
Er hat Pech, sie erwischt seinen Fuß mit einer Hand. Sein Helm kracht auf die felsige Klippenkante. Ein Teil seines Rebreathers bricht ab und verschwindet im Nebel weit unterhalb. Er schlägt wild um sich, kann sie aber nicht mit sich nach unten ziehen. Irgendwie holt sie ihn hoch wie einen zappelnden Fisch. Sobald sie ihn wieder auf festem Boden hat, fesselt sie ihm die Knöchel mit ihrer Bogensehne. „Na gut“, sagt sie, „Na gut.“ Sie kichert, tätschelt ihm sanft die Schulter und zerrt ihn aufrecht wie einen Sack Psakiks.
Sie tritt einen Schritt zurück und wischt sich die Hände am Hosenboden ab. Er blickt finster drein, der verdrießlichste Sack Psakiks auf dieser Seite der Großen Maschine. Er hasst ihre schrecklichen, abgeflachten Zähne und ihre rundlichen, stummeligen Finger. „Versuchen wir es nochmal, ja?“
Sie zieht zwei Fraktalmesser aus Scheiden an ihren Schenkeln und macht eine perfekte Ireliis-Verbeugung vor ihm. Wie vom Blitz getroffen setzt er sich aufrecht. Starrt sie an.
„Nicht gut?“ fragt sie und versucht es erneut.
Wütende Verwirrung überkommt ihn. Das ist eine Art Trick, blasphemischer Hohn. „Iirsoveks“, grollt er.
Sie schüttelt den Kopf. „Nama.“ Sie steckt eines der Messer wieder ein und hält ihre freie Hand hoch, die Finger bittend gespreizt.
Er senkt sein Kinn wegen dieser neuen Erkenntnis und verengt seine zweiten Augen. Es spricht!
Langsam, aber ohne den Augenkontakt zu unterbrechen, legt sie das andere Messer auf den Boden zwischen ihnen. Die Klinge zeigt auf ihre Stiefel. Er beobachtet sie ununterbrochen. Wie viele Geheimnisse haben die Fleisch-Liebhaber verraten, dass diese Kreatur ein Friedensangebot wie ein unterwürfiger Drekh vor seinem Kell machen kann?
Sie tippt mit zwei Fingern gegen ihren Harnisch. „Sjur“, sagt sie langsam und zeigt dann auf ihn.
An die Ehre gebunden, selbst wenn er vor Schande überkocht, antwortet er „Misraaks. Velask, Si-yu-riks.“
„Mithrax“, wiederholt sie und grinst dann. „Velask, Mithrax. Und willkommen! Wir sollten uns umsehen.“