Lose Enden, Teil III
Drinnen war es nicht viel wärmer, obwohl Felwinters Geist den Kamin für Wu entzündet hatte. Er saß dem ehemaligen Kriegsherren gegenüber, beide in großen Lehnstühlen.
„Wer bist du?“, sprach Felwinter zuerst.
„Ein Nachbar. Ich lebe unten und versuche seit einem Monat, deine Aufmerksamkeit zu erringen“, grinste Wu Ming.
„Was willst du?“
Wu dachte kurz nach. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass du tötest.“
„Eine Notwendigkeit in diesem Leben nach dem Untergang.“
„Nein, ich spreche von Erhobenen. Endgültige Tode. Ein echtes Tabu seit Neuestem. Ihr Eisernen Lords ändert die Dinge.“
„Wer bist du? Ich glaube nicht, dass du vorhin ehrlich zu mir warst“, hallte Felwinters Stimme durch den Raum.
Wu Ming lehnte sich zurück und rieb sich die Schläfen. Seine Hände zitterten.
Felwinter starrte ihn unerbittlich an. Wu hatte das Gefühl, dass der Exo in der Zeit eingefroren war, bis er etwas sagte.
„Geist“, signalisierte Wu Ming. Sein einziger Freund auf dieser Welt materialisierte sich in der Luft.
„Soll mich das beeindrucken?“, fragte Felwinter völlig trocken. „Wie hättest du sonst den Aufstieg überleben sollen?“
Wu räusperte sich. Sein Geist schüttelte den Kopf.
„Ich frage dich erneut“, sagte Wu Ming, während er sich in dem lächerlichen Stuhl ganz aufrichtete. „Würdest du das Eiserne Gesetz brechen? Würdest du andere endgültig töten?“
„Als Kriegsherr habe ich viele Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin. Als Eiserner Lord bin ich an strenge Kampfregeln gebunden“, erwiderte Felwinter. Seine Stimme klang leer im Inneren seiner gepanzerten Haut. „Geister sind keine zulässigen Ziele.“
„Man sagt, dass du dich um Recht und Unrecht kümmerst und alle zur Rechenschaft ziehst, die es verdienen.“
Das Leuchten in Felwinters Augen wurde heller.
„Es gibt keinen größeren Akt der Menschlichkeit“, verkündete er nach einer kurzen Pause.
„Ich weiß, dass niemand ein Anrecht darauf hat. Aber ich glaube aus tiefstem Herzen an Rache. Ich habe eine Bitte an dich. Eben weil du tust, was du tust.“
Felwinter klopfte an sein Kinn. „Worum genau bittest du mich?“
Wu Ming erzählte ihm von der weit entfernten und längst vergessenen Stadt Eaton zu Beginn der Ära der Eisernen Lords. Ein Lord namens Dryden brachte den hungernden Bürgern Nahrung und bat sie im Gegenzug, sie als Köder für einen lokalen Kriegsherren benutzen zu dürfen, um ihn in eine Falle zu locken. Das, so hatte Wu erfahren, verstieß gegen die Regeln von Lord Radegast, dem Gründe des Ordens. Dryden hatte das Gesetz gebrochen und Lichtlose in die Angelegenheiten der Eisernen Lords verwickelt, denn die Lords hatten sich zum Schutz eben jener zusammengeschlossen. Natürlich mit Einwilligung der Stadt. Welche Wahl blieb ihnen auch? Aber der Hinterhalt ging komplett schief. Der Kriegsherr brachte einen ganzen Einsatztrupp mit. Eaton wurde restlos und endgültig ausgelöscht. Zwar konnte Dryden den Kampf am Ende gewinnen, aber er verlor alle Lords unter seinem Kommando mitsamt allen Geistern. Und er beging eine weitere Sünde, indem er aus lauter Blutgier und Wut die besiegten Kriegsherren endgültig tötete. In den folgenden Jahren verschwieg Dryden die Geschehnisse, und er und sein Geist zählten fortan zu den angesehensten Lords, neben aufstrebenden Helden wie Lord Saladin und Lady Efrideet.
Felwinter saß wie erstarrt in seinem Stuhl. Es war nur schwer zu erkennen, ob er Wu Mings Worte vernommen hatte.
„Wer sagt mir, dass du die Wahrheit sprichst?“, fragte die leere Stimme schließlich.
„Ich habe Aufzeichnungen“, entgegnete Wu. Sein Geist übermittelte einen Datenstrom an Felwinters Geist und dieser nickte.
„Eaton. Was bedeuten dir diese Leute?“
„Nichts. Sie sind nur Gespenster.“
„Du willst Rache für Leute, die dir nichts bedeuten?“
„Ist der Eiserne Rächer käuflich?“
Felwinter erhob sich und bat Wu Ming mit einer Geste hinaus.
Wu seufzte, zuckte mit den Achseln und verließ den Raum. Er hatte einen langen Abstieg vor sich.
Der Exo öffnete seinen Mantel und zog eine lange, bronzene Schrotflinte hervor.
„Was denkst du?“, fragte ihn sein Geist.
„Bitte Lord Dryden her. Und mach mein Eisenbanner-Arsenal bereit.“