Revanche IV
Von allen Katastrophen, die im All passieren können, ist ein Aufstand die schlimmste. Lecks können abgedichtet werden, Feuer können gelöscht werden, Seuchen kann man mit Quarantäne eindämmen, Strahlung kann man abschirmen, Hitze kann gekühlt werden – aber ein Aufstand hat einen eigenen Willen: einen chaotischen Einfallsreichtum, der jegliche Gegenmaßnahmen untergräbt.
Mara kriecht durch Sektoren, verdampftes Kühlmittel nimmt ihr den Atem. Sie bleibt unten und drückt sich die Atemmaske ins Gesicht. Sie kann nur noch an Kelda Wadjs letzte Nachricht denken und die beigefügten Daten. „Mara. Die parakausalen Effekte sind um dich herum am stärksten. Was auch immer mit uns passiert ist, du bist das lokale Zentrum. Ich kann nicht deutlich genug ausdrücken, wie heikel und wichtig diese Entdeckung sein könnte. Mara, wenn wir radioaktiven Zerfall als Auslöser für simulierte Bomben benutzen – Bomben, die den Erwachten schaden könnten – dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Atome zerfallen in deiner Nähe tausendfach geringer. Die Leute sind buchstäblich sicherer, wenn du in der Nähe bist.“
Sie muss in den Aufstand hinein. Sie muss ihr Volk schützen.
Ein furchtbares Ächzen dröhnt durch die Wohnstruktur und dann bricht mit einem apokalyptischen Schauder etwas vom Riff ab. Ein Schiff. Ein Schiff fliegt weg. Mara hat versagt.
Mara lässt sich auf den Bauch fallen und atmet in ihre Maske. Dann, kriechend in Erwartung der Kopfschmerzen, aktiviert sie die Verbesserung, die Maschine, die ihre Eutech notdürftig für genau diesen Zweck gebaut haben, indem sie Maras kaputte Nebenarm-Implantate extrahiert und überarbeitet haben. Sie wird eine Befehlsüberschreibung abfeuern, um die Systeme des Schiffs herunterzufahren –
– dann realisiert sie, dass es ein erbeutetes menschliches Schiff ist, das ihre Befehle nicht wahrnehmen kann.
Sie schnappt frustriert nach Luft, saugt die kalte Luft aus der Flasche ein. „Sjur.“
„Ich bin hier“, flüstert es aus ihrem Funkgerät. „Ich bin im Büro des Dockmeisters festgenagelt. Ich habe ein paar in die Schultern geschossen und jetzt haben sie es wohl kapiert.“
„Lass sie gehen. Wenn ein Schiff entkommen ist, ist es sinnlos, die anderen zurückzuhalten. Unsere Position ist preisgegeben.“
„Verstanden.“
„Übertrag das an alle. Ich werde jedem, der das Riff verlassen will, gestatten zu gehen. Das ist ihre einzige Chance.“ Sie rollt sich auf den Rücken und starrt in die strudelnden Wirbel aus Kühlmittel, sieht Gesichter, Zukünfte, die Leben, die sie eben verloren hat, die Leben, die sie noch verlieren könnte. Sie brachte ihr Volk hierher, um zu sterben, in der Annahme, sie bringe ihm die Unsterblichkeit – aber sie wollte nie, dass es so schnell geschieht.
„Sie wissen es, Majestät“, sagt Sjur. „Sie wissen es bereits.“.
„Was?“
„Du hast mit uns gesprochen. Wir haben deine Stimme gehört.“ Erstaunen und Dankbarkeit schwingt in Sjur Eidos Stimme. „Mara, ich habe dich gehört. Du hast zu mir gesprochen.“