Tyrannenmord III
Mara und Sjur Eido gehen hinaus ins All und stoßen sich vom Rumpf ab in Korsaren-Druckanzügen und dünnen Halteleinen. Die Sterne umkreisen sie wie Kerzenlichter, wie die Diademe einer Billion Tänzer. Sjur Eido zieht Mara zu sich heran, bis ihre Helme sich berühren. „Wir sind allein. Was ist passiert, Mara? Du warst schon immer ...“
„Eigen?“, schlägt Mara vor.
„Ich wollte sagen: geheimnisvoll und zurückgezogen.“
„Ein Schwert kann Teil einer Bombe sein, wenn der Schwerthieb der Zündmechanismus ist“, sagt Mara. „Es ist unmöglich, dass ein automatisches zellulares Spiel seine eigenen Regeln ändert, aber es ist möglich, untergeordnete Spiele mit eigenen Regeln zu erschaffen, und dass diese untergeordneten Spiele Vorteile im Hauptspiel hervorbringen.“
„Das ist wirklich beeindruckend“, sagt Sjur. „Weißt du, wenn du so redest, sagst du eigentlich nur: ‚Ich will nicht, dass irgendjemand mich versteht, aber ich will, dass alle verstehen, dass sie mich nicht verstehen.‘“
„Ja“, gibt Mara zu, und dann, bringt sie sich dazu, mit heiserer Stimme zu sagen: „Sjur, ich habe dieses Geheimnis, diese Sache, die ich getan habe, und ich weiß nicht, ob irgendjemand jemals davon erfahren kann, ohne mich für immer zu hassen.“
„Ich hatte auch ein Geheimnis“, ruft ihr Sjur ins Gedächtnis. „Die Sache, die ich getan habe ...“
„Ist nichts im Vergleich zu meiner. Überhaupt nichts.“
„Ich hab ziemlich viel Erfahrung darin, dich zu hassen, und nachdem ich es aufgegeben habe, denke ich nicht, dass ich dorthin zurückkehren könnte.“ Sjurs Hand legt sich auf Maras Rücken. Sie wirbeln aufwärts, drehen sich um einen Punkt zwischen ihnen, und ihre tausend Kilometer langen Halteleinen entfalten sich langsam. „Willst du es mir sagen?“
„Nein“, erwidert Mara. „Aber ich denke, ich muss.“
„Okay. Euer Majestät, was hast du getan, dass Alis Li dir Beerentee ins Gesicht geschüttet hat?“
„Ich war die Erste“, sagt Mara. Und sie erklärt die fehlende Hälfte, die erste Hälfte des Satzes:
„Ich stellte die Regeln und ersten Bedingungen auf, die sie glauben ließen, sie selbst hätte entschieden ...“
Der Satz endet dort, wo der Rest ihn aufnimmt.
Sjur Eido sieht sie in ausdruckslosem Schweigen an. Sjur Eidos Hände streicheln die Naht zwischen Maras Druckanzug und der gläsernen Kuppel ihres Helms. Vor langer Zeit verriet diese Frau ihren Schwur und zog aus, um der Diasyrm zu dienen; eine Frau, die schrie vor Pein durch den Fluch der Körperlichkeit und der Möglichkeit des Leids. Vor langer Zeit, warf diese Frau ihr Leben fort, um das höchste Verbrechen zu strafen, das sie sich vorstellen konnte: die Verweigerung transzendenter Göttlichkeit für alle jene, die ein Anrecht darauf haben könnten.
„Du bist der Teufel“, sagt Sjur. „Du alleine bist die Kraft, die den Tod erschaffen hat. Du hast die Möglichkeit des Bösen zugelassen. Vielleicht bist du verantwortlich für mehr vermeidbares Leid als alles, das je existiert hat.“
Mara kann nicht den Kopf schütteln. Sie kann nicht einmal nicken.
„Naja“, sagt Sjur, „wenn du es nicht getan hättest, wäre keiner von uns jetzt hier. Ich kann nicht erkennen, was du sonst hättest tun können, wenn dir die, die wir zurückgelassen haben, am Herzen liegen; wenn du wolltest, dass wir zurückkehren und im Kampf helfen können.“ Sie lehnt sich vor und küsst sanft das Innere ihres Helms an der Stelle, an der er Maras berührt. In ihrem Geist, an dem Ort, der alle anderen Erwachten miteinander eint, kann Mara die Berührung sanfter Lippen spüren.
Mit einem Mal setzt Sjur einen durchtriebenen Gesichtsausdruck auf. „Weißt du, Mara, ich glaube, dass du nichts hättest beichten können, überhaupt nichts, wenn es nicht eine Möglichkeit wäre, ein tieferes Geheimnis zu hüten. Was ist wirklich los?“
„Es gibt viele Wege, die zur Göttlichkeit führen“, sagt Mara. Der Gürtel des Orion spiegelt sich glitzernd in ihrem Helm wider wie leuchtende Zustimmung einer Schar-Wesenheit, die Sjur einst tötete. „Ein Weg ist, alles zu töten, das getötet werden kann, damit alles, was übrig bleibt, unsterblich ist. Ein andere ist der Pfad, den ich, größtenteils unbeabsichtigt, beschritten habe. Einer dieser Wege ist dem Schwert näher, der andere der Bombe. Wenn die Bombe das Schwert zu den Bedingungen des Schwerts besiegen kann, hat die Bombe ein Anrecht auf Überlegenheit.“
„Vergiss es.“ Sjur seufzt. „Hast du in letzter Zeit irgendwas Cooles in der Krähenüberwachung gesehen?“