Die Geschichte des Knochenhändlers
Sie verfolgten den Ahamkara bis zu den Resten eines zerstörten Außenpostens, durch derart dichtes Unterholz, dass sie ihre Sparrows zurücklassen und zu Fuß weitergehen mussten.
Sie waren im Territorium des Hauses des Winters angelangt. Vorsicht war geboten. Sie verlangsamten ihre Schritte, bis sie im Grunde nur noch über den Boden krochen. Rook konnte Von Deuvens wachsende Frustration an der starren Linie seiner gepanzerten Schultern erkennen, aber keiner von beiden war bereit, seinen Geist länger als nötig zu riskieren, um das Gebiet vollständig zu scannen.
In der Mitte eines mit Moos bewachsenen Ruinenrings wartete der Ahamkara auf sie, als hätten sie sich zu einem Gespräch verabredet. Das Biest war kleiner als Rook erwartet hatte, nicht größer als ein Sprungschiff. Regungslos stand es im Freien, mit dramatisch gekrümmtem Rücken und aufgerissenem Rachen. Es sah aus, als würde es lächeln. Aber es erweckte den Eindruck, dass es eher ein seltsames, präpariertes Exemplar aus dem Arbeitszimmer eines Warlocks war, nicht ein lebendes Wesen.
Rook öffnete den Mund, um zu fragen, ob dieses Verhalten üblich ist. Doch Von Deuven hob sein Gewehr und feuerte mit einer geschmeidigen Bewegung, so abrupt, dass Rook zusammenzuckte.
Der Ahamkara fiel auf den Boden.
Seine schlangenartigen Glieder krümmten sich vor Schmerz und das riesige Ungeheuer wälzte sich im Staub. Aber die ganze Zeit über zeigte es mit einem breiten Lächeln seine Zähne und seine Augen leuchteten.
Schließlich schritt Von Deuven mit einer Klinge vor und trennte dem Ding lässig den Kopf vom Hals. Das Fleisch des Ahamkara begann zu zerfallen und sich zu verformen, als ob es von jeher eine vergängliche Substanz gewesen wäre. Im Nu waren nur noch Knochen übrig.
Rook hielt eine Hand auf ihrer Handfeuerwaffe und erwartete, dass die Kreatur auf ihre knochigen Füße springen würde, um eine Zugabe zu geben. Aber das Zischen wurde immer leiser und die Knochen verharrten auf dem Boden.
„Nicht gerade die spannendste Jagd“, sagte Rook in die Stille hinein. Jeder andere Lichtträger in der Stadt hatte in diesen Tagen eine Drachenjagdgeschichte, ob wahr oder erfunden. Aber keine davon verlief wie diese.
Von Deuven kniete vor dem Schädel. „Denk dir halt irgendwas aus.“
Rook sah ihm verwirrt zu, bis der Titan sein Schwert in die Hand nahm, es umdrehte und mit dem Griff ein paar Zähne herausschlug. „Ich dachte, die Wunschdrachen wären mächtig.“
„Was wäre, wenn die Gefallenen sich unsere totale Vernichtung wünschen könnten?“, sagte Von Deuven und rollte den kleinsten der Reißzähne zwischen seinen Fingern. „Das ist die Art von Macht, um die es hier geht.“
Rook schaute auf die Ruinen um sie herum. „Warum das wohl auf unserer Seite noch niemand versucht hat?“
Von Deuven zuckte mit den Schultern. „Vielleicht haben sie es nicht richtig gemacht. Vielleicht unterscheidet sich die Welt, in der wir gewinnen, zu sehr von dieser, und sie haben uns zurückgelassen.“
Bei dem Gedanken wurde Rook mulmig zumute. Viele Möchtegern-Drachenjäger waren verschwunden, als ob es sie nie gegeben hätte. Sie dachte an all die Lichtträger, die über hundert Spiegelungen der gleichen Lichtung verstreut waren, über hundert unmögliche Wünsche. Die Zahlen der Ahamkara schrumpften – was, wenn sich die Menschheit die letzte Fahrkarte aus einer dem Untergang geweihten Welt mit ihnen teilen musste?
„Wir sollten … den Warlocks ein paar Knochen bringen“, sagte Rook.
Von Deuven lachte. Er steckte die Zähne in eine der Munitionstaschen an seinem Patronengurt. „Hilf mir, den Rest einzusammeln.“