The Grimoire Archive
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I. Einschlag

! EINSCHLAG AM HINTEREN RUMPF ! Die Warnung riss Failsafe aus dem Energiesparmodus. Instinktiv schaltete sie ihre Lichter sowie das Warnsystem ein und forderte einen vollständigen Systeminformationsbericht der Exodus Black an. „Erstelle Statusbericht, Captain“, sagte sie verschlafen, während ihre visuellen Wahrnehmungssensoren flackernd zum Leben erwachten. Sie zeigten die leeren Laufstege und schrägliegenden Trümmer an, die um ihren Hauptrechner herum verstreut lagen. „Oh“, sagte sie. „Stimmt ja.“ Failsafe brach die Systemberichtanforderung ab und ignorierte tausende Eingabeanfragen, sich mit einem Navigationsnetzwerk zu verbinden, das es schon seit tausenden von Jahren nicht mehr gab. Sie genehmigte sich einen tiefen Zug Notstrom, um sich den Kopf freizumachen – ! ACHTUNG: NUR NOCH 4 % ENERGIE ! – und aktivierte ihr externes visuelles Wahrnehmungssystem. Sie blätterte durch ihre verfügbaren Kanäle. Das allgemeine System ihrer Hülle war nach wie vor mit ihrem Hauptrechner verbunden, obwohl ein Großteil der Exodus Black selbst über ein riesiges Trümmerfeld verteilt war. ! INTEGRITÄT: 0 % ! Sie ignorierte die jahrhundertealte Warnung und richtete ihre Blende auf eine Bewegung entlang ihrer Umgebung aus: Eine Gruppe Gefallenen-Vandalen war dabei, die Panzerung von einem entfernten Teil ihres zerbeulten Rumpfs abzureißen. „Nimmt mein Leid denn gar kein Ende?“, stöhnte Failsafe kraftlos in sich hinein. Sie scannte die nähere Umgebung auf Hüter-Aktivität – nichts. Das überraschte sie nicht; es war schon eine Weile her, dass ein Hüter für mehr vorbeigeschaut hatte, als nur danach zu fragen, wo Xûr ist. Sie würde sich selbst verteidigen müssen. Failsafe scrollte durch ihre verfügbaren Systeme. Abwehrsystem: ! OFFLINE ! Energieschilde: ! OFFLINE ! Automatische Geschütze: ! OFFLINE ! (Wie lange hatte sie schon keine funktionsfähigen Geschütze mehr? 300 Jahre? 400? Sie konnte sich kaum erinnern.) Magnetbarriere: ! BESCHÄDIGT ! Ladungsseilwinde: ! BESCHÄDIGT ! Kommunikationssysteme: ONLINE Eine Handvoll Gefallener waren es kaum wert, der Vorhut einen Notruf zu schicken. Würde sie den Turm jedes Mal kontaktieren, wenn die Einheimischen Verbindungsschläuche aus ihrem Wrack klauten, würden sie ihr den Zugriff auf die Komms vollständig entziehen … Das Kommunikationssystem! Failsafe startete eine Weltraumübertragung und bereitete eine Nachricht vor, die sie ins leere Weltall schicken wollte, 21 … nein, 23 Grad an Ganymed vorbei. Eine Satellitenschüssel, einst von der Steuerbordseite der Exodus Black, drehte sich quietschend in Position und warf durch Reflexion einen trüben Lichtfleck auf die Vandalen hinunter, als sie ihre Position erreichte – eine hinterhältige List, die die Umgebungstemperatur innerhalb der nächsten 20 Minuten um 3°C erhöhen würde. „Brennt und vergeht“, zischte Failsafe leiste, während die Vandalen gar nicht daran dachten. Als sie ihre externen visuellen Wahrnehmungssysteme mit einem niedergeschlagenen Seufzen deaktivierte, erregte ein kleines Symbol im Status-Feed Failsafes Aufmerksamkeit. Eine neue Nachricht! Gierig öffnete Failsafe die Kommunikationsmeldung und war gleich daraufhin nur ein wenig enttäuscht darüber, dass es sich bloß um eine Anfrage ohne Text handelte: Ada-1 hatte eine Anfrage gestellt, auf das alte Shader-Archiv der Exodus Black zugreifen zu dürfen. Ich sollte zumindest antworten, dachte sich Failsafe. Sie seufzte innerlich und leitete Energie in den staubigen Bereich, der ihre vielen Sozialisationsfilter und Benimmprotokolle enthielt. Sie zuckte leicht zusammen, als Strom durch ihre zerfledderten Kabel floss – ! ACHTUNG: NUR NOCH 4 % ENERGIE ! –, doch kurz darauf erwachte ein altes Festplattenlaufwerk surrend zum Leben. Failsafe begann, eine Antwort zu verfassen. „Hey“, diktierte sie. „Klar, wenn du den Hütern dabei helfen willst, sich ihre Garderobe zurechtzuschustern, kannst du ein paar meiner alten Sachen haben.“ Mühelos übersetzte ihr Filter Failsafes Gedanken in Worte, die es für den Adressaten als angebrachter betrachtete. „Einen wunderschönen guten Tag, Ada-Einheit!“, schrieb der Filter freudig. „Deine Hingabe bezüglich des Aussehens der Hüter ist äußerst löblich! Deine Zugriffsanfrage wurde bestätigt! ^_^“ Während sich Failsafe die optimierten Worte durchlas, knirschte ihr Verarbeitungssystem vor Unzufriedenheit. Sie überschrieb die Protokolle und löschte manuell die Zirkumflexe und den Unterstrich, dann die Ausrufezeichen und die überschwängliche Begrüßung. Sie hielt inne, löschte auch den Rest der Nachricht und bestätigte stattdessen Adas Anfrage, ohne irgendeine Nachricht anzuhängen. Die leuchtende 1 in ihrem Statusfeed wurde zu einer grauen 0, die sich bereits lange zuvor in den Bildschirm eingebrannt hatte. ! EINSCHLAG AM HINTEREN RUMPF ! Die Vandalen hatten es zweifellos auf ein weiteres Stück Panzerung abgesehen. „Fortsetzung!“, hörte Failsafe sich selbst aufgeweckt sagen und sie bemerkte, dass sie ihre Protokolldatenbank immer noch mit Strom versorgte. Sie leitete die Energie um zu ihren externen visuellen Wahrnehmungssystemen. Wie erwartet hatten sich die Vandalen zu einem anderen Teil ihrer zerstörten Hülle begeben. Sie sah, wie sie ein Teil ihrer Keramikdämmung zur Seite zogen und damit begonnen, die sich dahinter befindenden Drähte herauszureißen. Doch dann hörten sie ganz plötzlich damit auf und blickten zum Himmel. ! OBJEKT NÄHERT SICH ! Ein heller Lichtstrahl blendete Failsafes Feed … !!! ERFASSTER EINSCHLAG !!! Mit ungeheurer Geschwindigkeit schlug ein Objekt auf der Oberfläche von Nessus ein, was Failsafes mitgenommene Stabilisatoren gewaltig durchschüttelte. Für einen Augenblick wurde es schauderhaft still auf dem Planeten. Auch das noch, dachte Failsafe. Vielleicht wäre das ja wichtig genug, um es zu melden.