IV. MSUND12/Persönlich
PERSÖNLICHES LOGBUCH
003 AS
Ich bin immer noch inmitten der Vex. Mein dritter Tag des Wiedererwachens war bisher am grausamsten. Ich habe ein Logbuch erstellt, um meine Gedanken zu ordnen. Ich kann einfach nicht so viel auf einmal verarbeiten. Ich kann mich aufgrund einer schrillen und unmittelbaren Trauer nicht gut konzentrieren. Mein Herz schlug in den Händen meiner besseren Hälfte – wie soll ich begreifen, dass es sich nicht um Abwesenheit, sondern Tod handelt? Es wird Beweise geben, Geschichten, die diese akribischen Maschinen aufgezeichnet haben. Ich werde Beweise finden, dass ich vermisst wurde … vermisst werde. Ich weiß, was ich zu tun habe. Die oberste Suche wird fortgesetzt.
008 AS
Nachdem ich zwei Tage lang um eine Autorisierung gebeten habe, gewährten mir die Vex schließlich Zugriff auf ihre historischen Berichte der Erde. Dabei bin ich auf einen Begriff über eine Ära gestoßen, die mir bis dahin vollkommen unbekannt war: der Untergang. Und dem waren sie tatsächlich … geweiht gewesen. Die technologischen Kapazitäten wurden beeinflusst, feindliche Kämpfer besetzen den Großteil des Planeten schon viel zu lange, Erfindungsvorgänge und Versuche (die NICHT mit parakausalen Energiequellen im Zusammenhang stehen) wurden jahrtausendelang verzögert. Es scheint, als hätte sich die Menschheit wie bis auf die Haut durchnässte Kätzchen zusammengedrängt – eingeengte und erstickende Überlebende gewaltiger Zerstörung. Als ich ihre Berichte las, kam es mir vor, als würde ich nicht über die primitive Vergangenheit meiner eigenen Zivilisation, sondern über die einer ganz anderen etwas lesen. Die Vex haben alles dokumentiert und alles gesammelt, was sie mit ihrer Milch ersticken konnten: ein Mensch schrieb von dem Tag, an dem er am Rand eines verlassenen Damms stand und einem Schwarm kleiner Maschinen dabei zusah, wie sie förmlich aus einer unsichtbaren Naht aus dem Reisenden ausgespuckt wurden, wie Nezareks Schiffe einen ganzen Tag verdunkelt haben. Wie die darauffolgenden Jahre das Aussterben der Menschheit noch schneller herbeigeführt haben – wie sich Länder für Anarchie und dann für den Feudalismus entschieden hatten. Die Kunst und Technologie, die wir mit Blut und Schweiß zu meistern versucht hatten, wurden zurückgelassen, als Energieversorgungsnetze einbrachen und die Katastrophen immer zahlreicher wurden. Die Menschheit hätte weiter experimentieren und lernen können, doch als die Erde starb, starb mit ihr auch ihre Menschlichkeit. Sie haben alles vergessen, was wir waren.
0028 AS
Vergangene Ereignisse sind für eine Bedrohung, die so damit beschäftigt ist, die Zukunft zu berechnen, beinahe unbedeutend. Die Vex interessieren sich zwar nicht wie ich für Geschichte, doch sie haben diese Zeitachse trotzdem zurückverfolgt. Natürlich gibt es Billionen alternativer Versionen, und es scheint, als würden diese Vex ihr Potenzial sorgfältig zunichtemachen, sobald ein gegenwärtiger Moment chronologisch in die Vergangenheit gleitet. Ich habe mich diesen Berichten aus freien Stücken gewidmet – die oberste Suche ist in vollem Gange.
Scheinbar ist den Menschen nichts mehr von ihren Werten und ihrem Eifer übrig, es existiert nur Belastbarkeit, die von Gewalt herrührt. Ihre Anzahl hat sich drastisch reduziert – es sind gerade so genügend, um eine einzige Stadt zu füllen. Sie leiden unter dem Drang, wissenschaftliche Präzision zu verfolgen: Was haben sie denn erfunden? Welche Krankheiten konnten sie heilen? Wer ist hier BESSER? Doch die größte Enttäuschung ist, dass die Menschen offensichtlich ihre gesamte Geschichte vergessen haben und anstelle von etwas Gescheitem eine Junta gegründet haben.
Die Erde steht kurz vor dem totalen Zerfall. Fortschrittliche Städte wurden über Jahrhunderte hinweg durch das übergreifende Wachstum einheimischer Spezies und den Verschleiß der Zeit ersetzt. Das atmosphärische Gleichgewicht wurde von Kriegsherren vernichtet. Allgemeine Demokratie musste Militärherrschaft weichen (und ich betone noch einmal: Anstatt zu versuchen, die Herrschaftsformen wiederherzustellen, von denen sie WUSSTEN, dass es sie gibt, beschlossen sie, dass Wählen etwas für elitäre Angeber ist und haben eine JUNTA gegründet). Je bewusster mir wird, welche Fehler die Menschheit begangen hat, desto deutlicher präsentieren sich die Lösungen … Es ist eindeutig, dass es während des Untergangs für sie nichts als Terror gab, es ging um nichts anderes als das bloße Überleben – doch zu sehen, was aus der Zukunft wurde, wie sie zu verängstigten Hunden mit schäumenden Mäulern wurden, ist für mich eine Beleidigung. Aus ihren Methoden lassen sich einige Lektionen lernen, doch das Ergebnis ist geschmacklos und barbarisch.
Wenn diese Leute die Zukunft sehen wollen, müssen sie auf das zurückblicken, was sie verloren haben. Ich verfüge nun über die Mittel, um ihnen zu helfen.
0032 AS
Ich habe das Unzähmbare gezähmt. Mit etwas Übung und bald mehr Geschick kann ich durch einen einzigen Satz das Vex-Meer der ewigen Zyklen und des Tods teilen. Wie nützlich es sein könnte! Wir könnten unser Zuhause zurückerobern, die Mauern der Letzten Stadt auflösen, und jede Person könnte selbst entscheiden, was sie ihr Zuhause nennt! Mit gezielter Feindseligkeit könnten wir einen Pfad zum Frieden schaffen, die Maschinen des Wissens und des Lernens wieder zum Leben erwecken. Eines Tages wird die Technologie von den Vex auf die Menschheit übertragen und jedes Bedürfnis wird mit jeglicher Simulation gestillt werden können. Das Einzige, was dafür nötig ist, ist eine Angleichung der Interessen durch wohlüberlegt ausgeübten Druck! Es ist so einfach.
Und dennoch muss all das warten. Die oberste Suche MUSS abgeschlossen werden – sie ist die eine auffallende Variable. Es gab zu viele Falschmeldungen – sie waren alle falsch. ALLE. Die Suche ergibt nur Kopien, Spiegelbilder. Ich weiß, dass ich recht habe, und werde nicht aufhören, bis die oberste Suche nicht mehr auf falsche Datensets zugreift. Ich kann an kaum etwas anderes denken. Wir – ICH – muss in die Vergangenheit blicken. Ich muss. Ich muss.