IX – VORHERSAGE
In den Tagen nach Qurias Niedergang hellte sich mit dem allmählichen Zurückweichen der Endlosen Nacht nicht nur der Himmel auf, sondern auch die Stimmung in der Stadt.
Lakshmi-2 stand hoch oben auf den Stadtmauern und beobachtete, wie sich abenteuerlustige Bürger unter die Eliksni mischten. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit einem Eliksni-Händler zu, der diverse kleine Roboter aus weggeworfenen Schrottteilen gefertigt hatte. Eine kleine Gruppe von Kindern, die ziellos umherschweiften, blieb auf der anderen Seite des Weges stehen, weil sie offensichtlich an den Robotern interessiert, aber zu verängstigt waren, sich zu nähern. Lakshmi wusste, dass der Händler einen seiner Roboter verkaufen würde, jedoch nichts von dem Schrott, und er würde den Tag entmutigt beenden.
Es ist ein lichterfüllter neuer Tag, dachte sie.
„Es ist ein lichterfüllter neuer Tag“, rief eine tiefe Stimme. Lakshmi drehte sich um und sah den ehemaligen Warlock Osiris über die Mauer auf sie zuschreiten.
„Was für eine seltsame Wortwahl“, erwiderte Lakshmi. „Die Dunkelheit ist näher als je zuvor.“ Und in der Dunkelheit ist es manchmal schwierig, Freund von Feind zu unterscheiden. Sie erinnerte sich aus ihrer Zeit in dem Gerät an diese Unterhaltung. Viele der möglichen Zukunftsvisionen, die es ihr gezeigt hatte, führten zu diesem Moment. Osiris wurde vorhersehbar.
„Das ist sie“, sagte Osiris. „Und in der Dunkelheit ist es schwierig, Freund von Feind zu unterscheiden.“
Lakshmi lächelte in sich hinein. Sie bewegten sich noch immer im Rahmen der standardmäßigen Vorhersageabweichungen. „Ich bin überrascht, dass du das sagst, Osiris. Normalerweise bist du mit einer so ungewöhnlichen Klarheit gesegnet.“
„Meine Perspektive hat sich verändert, seit ich das Licht verloren habe“, begann Osiris langsam. „Zeit ist plötzlich endlich. Sie lässt alles … veränderlicher erscheinen. Und wenn sich meine Perspektive ändern kann, können es meine Feinde möglicherweise ebenfalls.“
„Die Torheit der Sterblichkeit.“ Lakshmi deutete auf die Szenerie unter ihnen. „Diese Leute könnten Zeit niemals so begreifen wie wir, Osiris. Du hast hinter den Schleier geblickt. Du hast die endlose Ausdehnung der Vex-Simulationen gesehen. Du verstehst, dass Geschichte veränderlich ist … aber auch unvermeidbar.“
„Da war ich mir immer sicher“, stimmte er zu. „Doch jetzt muss ich mich fragen: Wenn Geschichte unvermeidbar ist, warum werde ich dann ständig überrascht?“
Lakshmi kicherte. Sie hatte diese Bemerkung natürlich schon zuvor gehört, allerdings hatte ihre Vorahnung seine Einfältigkeit nicht in angemessener Weise vermittelt.
„Und was denkst du, Osiris? Wird dieser lichterfüllte neue Tag andauern?“ Sie nickte in Richtung der Eliksni-Siedlung. „Sollten wir das Licht mit den Gefallenen teilen?“
Als ob du das wüsstest, dachte sie. Du hast von Vorhersagungen keine Ahnung mehr.
„Ich treffe keine Vorhersagen mehr, Lakshmi. Ich lege mein Schicksal in die Hände des Reisenden, jetzt mehr denn je.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Und was sagst du dazu? Ist das eine neue Morgendämmerung?“
Lakshmi erinnerte sich an die Vision, nach der sie so leidenschaftlich in dem Gerät gesucht hatte. Die Verwirklichung ihres gerechten Sieges über die Eliksni – historisch und vorherbestimmt zugleich. Ihr Lebenswerk, das von Minute zu Minute aus der Zukunft in die Gegenwart kroch.
„Nein“, erwiderte sie. „Es ist lediglich ein kurzes Wetterleuchten vor dem herannahenden Sturm.“