Die Wassersonne, Teil I
Maury Yamashita taucht durch schlechtes Wasser.
Eigentlich ist es gar kein Wasser, aber die Delfine haben sich diesen Namen ausgedacht—schlechter Ozean—weil es furchtbar ist, darin zu schwimmen. Bei nahezu -200 Grad Celsius ist das Methan dermaßen eiskalt, dass das Vakuum, der Inbegriff der Kälte, Maury warm hält: Er trägt einen mit mikroskopischen Vakuumschichten ausgestatteten Elastikanzug, die wiederum mit kristallinen Nanostrukturen gefüllt sind, die sogar verhindern, dass Licht in die Zwischenräume gelangt. Dadurch kann die Kälte nicht eindringen … und seine Körperwärme kann nicht entweichen.
Also schwitzt er nun in einem Ozean, der so kalt ist wie Dantes neunter Kreis der Hölle. Natürlich könnte er Wärme ableiten, der Anzug ermöglicht das. Aber die Wärmeausbreitung würde Stickstoff in dem Methan-Ethan-Ozean binden und die dadurch aufsteigenden Blasen würden ihn verlangsamen. Das ist aus einer Reihe von Gründen inakzeptabel, darunter auch, dass er ohnehin schon zu langsam ist. Flüssiges Methan hat etwa die halbe Dichte von Wasser und seine riesigen Flossen und zischenden Schubdüsen haben Mühe dagegen anzukommen.
Ein weiterer Grund ist, dass er sterben wird, wenn er es nicht rechtzeitig zurück in Innere schafft.
„Maury“, flüstert sein Sensorium. Er hat die Lautstärke sehr weit heruntergeregelt. „Komm zurück. Das ist es nicht wert, dein Leben aufs Spiel zu setzen.“
Tut mir leid, Mia, denkt er bei sich. Es muss mein Leben wert sein oder ich bin mehr wert als sie, und ich weiß, dass ich das nicht bin. Ich habe sie dorthin gebracht. Es ist meine Aufgabe, sie da rauszuholen.
Er hat diese dummen kleinen Schwärmer schon immer geliebt.
Die Unterkonstruktion von Kuppel 2 erhebt sich um ihn herum, ein Labyrinth aus ultraleichten Stützstreben und verdrillten Kabelsträngen. Der Schatten eines Koloss-Superträgers behindert den Einfall des schwachen Sonnenlichts von oben: Er spürt das leise Aufheulen der Schiffsdüsen, die versuchen, sich aus der Verankerung von Kuppel 2 freizukämpfen und eine weitere Ladung gefrorener Menschen in einen Evakuierungsheber zu befördern. Wenn Maury nach unten schaut, beleuchten seine Scheinwerfer eine staubige Ansammlung von azotosomischem Plankton, primitiven Methanlebewesen. Blickt er zur Kuppel 1 zurück, kann er die längliche, gedrungene Form des Duiker, des Meerwasserforschungs-U-Bootes, das an der Unterseite der Arkologie angedockt ist, kaum erkennen. E. F. Babatunde ist gerade da drin und fleht vermutlich jemanden an, zu erklären, was los ist.
Er bewegt sich abwärts. Seine Delfine sind schon sicher im offenen Gewässer. Er muss die Schwärmer aus ihrem Forschungsgehege herauslassen.
„Gezeitenanker entkoppelt“, meldet Xiana McCaig. „Die Unterkonstruktion von Kuppel 1 ist so locker, wie es nur geht. Kuppel 2 zeigt Temperaturfehler, ich habe aber schon Drohnen losgeschickt. Maury, bitte. Wir haben keine Ahnung, was passiert, wenn das Beben einsetzt. Komm zurück!“
„In ein paar Minuten“, verspricht er. „Ich muss nur noch das Forschungsgehege aufschneiden, damit die Schwärmer raus können—"
„Oh Allah“, flüstert Ismail Barat. „Er ist weg.“
„Was ist weg?“, will Mia wissen.
„Der Tidensog. Die Geistmasse. Sie ist einfach … weg. Der Mond nimmt wieder Sphäroidengestalt an. Ich erfasse Primärwellen im unterirdischen Ozean—es ist ein Beben. Es ist ein Beben! Maury, mach, dass du von der Unterkonstruktion wegkommst! Verschwinde da!“
Maury stellt sich eine Mondwölbung von über 60 Metern vor, die zu einem Tropfen aufgehäufte Masse des Titan, die in Richtung Himmel zeigt—und plötzlich kollabiert. Die krachend und ächzend und rumorend wieder ins Gleichgewicht zurückfällt. Risse im Eis, aus denen Wasser und Ammoniak heraussprudelt. Schelfeisplatten von kontinentaler Größe, die kollidieren und voneinander Abprallen wie Eisberge. Der ganze riesige innere Ozean, der in seine ursprüngliche Form zurückschwappt.
„Die Schwärmer“, sagt er und wirft seine Auftriebtanks ab.
Ohne den Auftrieb hat er selbst eine so viel höhere Dichte als das schlechte Wasser um ihn herum, dass er wie ein Fallschirmspringer in Richtung Querverstrebung nach unten stürzt, wo das Schwärmer-Gehege verankert ist. Die Schwerkraft des Titan mag mäßig sein, aber auch mäßige Beschleunigungskräfte kumulieren. Er trifft hart auf und die Drehmetalloberfläche katapultiert die Luft aus seinen Lungen. Er japst und würgt, scharrt nach Halt, bevor er abrutscht und in den Abgrund stürzt. Er wird nicht aufgeben—nein! Nein! Er wird nicht aufgeben! Er wird nicht fallen!