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Das Sechste Siegel, Teil I

„Er ist echt“, beschließt Mia van der Venne. „Wir evakuieren zuerst die Bürger, dann die alte Wache. Und wir gehen davon aus, dass wir nie zurückkommen.“ Niemand atmet. Unterhalb des Besprechungstischs treiben Beutel mit Nutzlachsen, Zuchtrind, Buttermöhren und Pak Choi in der trägen Wirbelströmung des Sous-vide-Bads. Zu Mias 100. Jubiläum als System- und Einrichtungsadministratorin bei Neu-Pazifik hat sie alle (nun, nicht ganz alle) offenen Gefallen eingefordert und ein Taschenrestaurant unter ihrem Schreibtisch auf dem Kommandodeck eingerichtet. Ihr gefiel die essbare Metapher—die Vorstellung, seinem Essen den ganzen Tag über zuzuschauen, wie es langsam vor sich hin gart. Die Zukunft zu genießen, die man formt. Wenn sie mit dem Recht hat, was gerade geschieht, wird es keine langfristigen Pläne mehr geben, keine Geduld und vielleicht sogar überhaupt keine Zukunft mehr. Sie wartet darauf, dass Xiana als Erste überkocht. Xiana ist die Expertin für Wasserozeane. Sie hat am meisten zu verlieren. Xiana McCaig, zierlich wie ein Fink, schlägt mit ihren Fäusten auf den Tisch, verwendet jedoch nur ein Zehntel der Kraft, zu der ihre mit Schimpansen-Muskelfasern gespleißten Muskeln fähig sind. „Jetzt? JETZT? Wir können jetzt nicht weg! Wir haben eben erst das Bohrloch vollendet—wir sind nur EINEN TAG von der bemannten Expedition in das größte Geheimnis von Titan entfernt! Und das sollen wir jetzt einfach so aufgeben?“ „So ist es“, sagt Mia betrübt. Maury Yamashita, ihr erster Taucher, mischt sich mit Details ein, die er wie erwartet aufgeschnappt hat. „Boss, wenn wir das Bohrloch und die Schleuse zurücklassen, ist unsere gesamte Ausrüstung da unten flüssigem Methan, Schwefelwasserstoff und Carbonsäure ausgesetzt ... Wenn wir sie zu lange dort lassen, verlieren wir alles.“ „Auf dieser Arkologie und ihren Bohrinseln befinden sich fast drei Millionen Menschen.“ Die Zen-shura-Ausbildung von Verbindungsleiter Ismail Barat konzentriert seine Aufmerksamkeit auf einen einzigen laserhellen Punkt; er ist hier bei Mia, selbst wenn sein Gehirn auf hundert verschiedenen Datenströmen reist. „Wenn wir wirklich evakuieren wollen, müssen wir Leute in Langstreckenkapseln stecken und wie Fracht abfertigen. Anders können wir die Bevölkerung nicht evakuieren. Es wird wirtschaftlichen Schaden geben. Menschen werden sterben. Wenn das ein Fehlalarm ist—“ „Es ist kein Fehlalarm“ sagt der Gute Mann. Mit dieser Stimme hat Mia nicht gerechnet, aber nur, weil er der neueste Gast an ihrem Tisch ist: David Miguel Korosec. Ein Mann, der im wahrsten Sinne des Wortes noch keiner Fliege etwas zuleide getan hat, der keine Pflanzen isst, weil er keine heilige Entropiepumpe zerstören will. Armer David. Er kam hierher, um den ersten Kontakt zu neuem Leben zu knüpfen, den Wundern, die nicht in Mias Ozean gedeihen—dem Methanozean auf der Oberfläche von Titan—sondern in der gigantischen Wasserwelt, die sich unter der 50 Kilometer dicken Eisschicht des Mondes befinden. Er ist ein Ethiker. Er wollte ihnen helfen, es richtig zu machen. Xiana verschränkt ihre Arme vor der Brust. Ihre Rekombinant-Muskeln formen schlanke Knoten an den Schultern, wo ihre Knochen mehr als nur Knochen sind. „Woher weißt du das?“ Korosec gewährt ihr seine ganze Aufmerksamkeit und zollt ihrer Frage Respekt. Er ist ein großer, eleganter Mann mit dunklen Augen und so dichten Wimpern, dass es aussieht, als würde er wasserfesten Eyeliner tragen. Mia erinnert sich an eine Passage aus seinem Buch über kognitive Empathie: Zeig ihnen, dass du dir ein Modell ihres Gedankens erstellt hast; zeig ihnen, dass du ihnen zugehört hast. Er antwortet: „Da ich nicht mehr Informationen habe als du, wie kann ich also so sicher sein?“ „Ja“, sagt Xiana ungeduldig. „Das war meine Frage.“ Er hält ihrem Blick stand. Mia denkt, dass er sie gereizt haben könnte, sich aber bewusst ist, nichts falsch gemacht zu haben. „Die KIs, die den Befehl zur Evakuierung erteilt haben, verwenden eine hammergeschmiedete Extrapolation der menschlichen Moral. Sie wird bei zigtausend Simulationen in den wildesten Situationen getestet, die man sich vorstellen kann, um sicherzustellen, dass ihre moralischen Entscheidungen den menschlichen Wertvorstellungen entsprechen. Sie rationalisieren nicht einfach. Sie SORGEN sich. Und zwar so, wie sich ein perfektes menschliches Wesen mit unbegrenztem Mitgefühl für alle Dinge sorgen würde. Sie wären nicht fähig, einen Evakuierungsbefehl zu erteilen, wenn er nicht rechtens wäre. Das ist kein Fehlalarm.“