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IX.X: Apokryphen

FOLGE DER SÜNDE „Du liebst deine Schwestern, doch nur eine von ihnen erwidert deine Liebe. Trotzdem gestattest du der armen, lieblichen Azavath, sich ganz und gar für dich aufzugeben—ihre Essenz auszulöschen, damit du ihren Platz einnehmen kannst. Dabei geht es nicht nur um ihre Essenz. Was ist mit ihrer Gabe? Die Melodie, die in ihrer Seele widerhallt, ist ein seltener Schatz. Nur die Wenigsten sind so wahrhaft mit dem Schmerz unseres Daseins verbunden wie jene, die des Chors würdig sind. Und doch gibt die wunderbare Azavath alles auf, damit du ein Ganzes sein kannst, indem sie ihre Kunst für deinen Zorn eintauscht, wo Zorn doch so leicht geboren, so bereitwillig genährt und auf so erbärmliche Weise verehrt wird. Aber ... so tief reicht ihre Fürsorge. Dies ist der Irrsinn der Liebe, dass wir das Beste unseres Wesens aufgeben, die Gänze unserer Existenz, um jenen zu gefallen, die wir am meisten wertschätzen. Und was ist dann mit der anderen—deiner niederträchtigen Schwester, Malkanth? Ihre Zuneigung zu dir ist von Ehrgeiz getrübt—der stoischen Wahrheit, die sie in der Schwertlogik findet. Sie sieht alles, weiß viel und führt Geheimnisse wie Waffen, wie es nur wenige vor ihr konnten. Dass sie dir zugeneigt ist, ist eine Gewissheit, die du in deinem Innersten fühlst. Denn sie ist—und war es immer—gläubig und aufrichtig. Trotz des fragwürdigen Rufs deiner Blutlinie diente sie dem gefallenen Prinzen treu. Aber ihre Gefolgschaft war von geringem Nutzen, als die Kinder des Lichts diese Hallen verfluchten und sich einen Weg zu den verbotenen Kammern freikämpften, wo sie den Sohn töteten, den Vater verleiteten und einen Krieg begannen, der die Regentschaft eines Königs beendete. Doch all das ist dir bekannt, großer und mächtiger Akrazul. Diese Begebenheiten bilden das Gerüst deines Zorns. Diese brutalen Wahrheiten sind in deinen Körper, deinen Geist und deine Seele eingebrannt. Deine Abtrennung ist der Höhepunkt eines kämpferischen Lebens, das nicht nur deinen eigenen Wert beweist, sondern den Wert aller, die an die befleckte Sekte deiner schändlichen Brut gebunden sind. Ich frage mich ... hat Malkanth je angeboten, deine liebende Schwester wiederherzustellen? Dein Körper wird hohl und leer ruhen, sobald deine Seele befreit ist. Warum also muss Azavath untergehen, wenn ein Gefäß aus ihrem eigenen Fleisch und Blut untätig dasitzt? Weil, zorniger, blinder, trauriger Akrazul, deine Schwester weiß, was du nicht weißt: Du bist ein Werkzeug. Eine Waffe. Nicht mehr. Dein Zorn—dein einziger Wert. Azavath hätte anderes gesehen. Sie hätte deinen erstarkten Stolz belächelt, sobald du in ihrem Fleisch gesundet wärst, doch dein Zorn wäre bald schon größer gewesen, als sie hätte ertragen können. Und so ist es dazu gekommen ... die gebrochenen Geschwister von ihren sündigen Begierden geblendet. Eine—Malkanth, die Lügnerin—will dich geschärft sehen und auf jene loslassen, die sie für schwach hält, jedoch auf Kosten des einzigen Lebewesens, das dir etwas bedeutet. Die andere—die zärtliche, liebende Azavath—will deinen Zorn mit ihrer Liebe bannen und dich einschränken, indem sie versucht, deinen Schmerz zu nähren. Beide sind makelbehaftet. Beide so unwürdig wie jeder andere. Also was wirst du tun? Bist du erst vollständig, wirst du die Marionette einer vermeintlichen Marionettenspielerin sein. Oder akzeptierst du das Geschenk deiner Schwester und nimmst deine endgültige, flüchtige Gestalt an—nichts als entfesselter Zorn, bis alles zu Staub zerfallen ist?“ Diese Worte manifestierten sich zu einem stetigen Summen in Akrazuls Geist. Nicht, dass er sie vernahm—er fühlte sie. Sie brannten eine Wahrheit über den Augenblick zwischen Azavaths letztem Schrei und seiner eigenen Zerreißprobe in sein Wesen ein. Alles wurde dunkel und grau, dann atmete er wieder—sein erster Atemzug in der Hülle seiner Schwester—und durch neue Augen sah er Malkanth, die auf ihn hinablächelte, und er wusste, dass das Wispern keine Täuschung gewesen war, sondern ein Versprechen. Die Schneide seiner Klinge glitt in Malkanths Brustbein—eine tödliche Wunde, tief und sauber. Akrazul, nunmehr Azavath, würde niemandes Marionette sein. Ihr Zorn würde keine Grenzen kennen. Der Schwarm würde leiden. Und danach auch die niederträchtigen Abkömmlinge des Lichts sowie jeder andere, der sich ihr in den Weg stellen würde. Das kommende Gemetzel würde unweigerlich in Staub enden—ihrem und dem aller anderen.