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Häresiologie

Eine Frau lebt allein in den waldigen Hügeln über der Federsteppe. Nördlich von ihr, in einem Wirrsal aus Schluchten und kristallklaren, doch radioaktiven Bächen, gehen die Hügel in imposante Berge über, die in einem endlosen Kräftemessen mit den seismischen Spannungen liegen, denn der Nebenarm ist eine junge Welt, die ihre Wildheit noch nicht verloren hat. Im Süden liegen die trockenen Lande, in die sich die Waldvögel, besonders die Papageien, zum Sterben zurückziehen. Sie lebt dort, weil sie eines Tages keine Unsterbliche mehr sein wird und auch im Tod ihre Würde bewahren will. Ein Mann und seine Mutter steigen die Hügel hinauf. Er bewegt sich mit geübter Vorsicht, doch seine Mutter, des Wanderns überdrüssig, lässt sich auf einer Riesenmelone nieder und ruft: „MARAAA!“ Ein Schwarm Vögel erhebt sich aufgeschreckt in den dämmrigen Himmel. Unweit davon blickt eine Frau von der geschundenen Leiche eines jungen Graupapageis auf und wispert leise „Mama?“ In jener Nacht, nachdem Mara und Osana lange genug um die durch ihre lange Trennung hervorgerufene Fremdheit herumgeredet haben, sagt Mara mit einem Blick auf die über dem Feuer brutzelnden Fasane: „Bruder, dein Adler hat heute einen Papageien erlegt.“ „Er muss jagen“, gibt Uldren sanft zurück. „Du wirst ihm doch nicht seine letzten Freuden nehmen, oder?“ „Du hast ihn zum Sterben hergebracht?“ Mara will aufspringen und ihren Bruder umarmen, voller Mitleid und Respekt. Schon viele seiner Greifvögel sind vor diesem gestorben, doch jedes Mal war Uldren voller Trauer und Wut ob dieser Verschwendung. Nun hat er akzeptiert, was geschehen muss. Nun gibt er dem Vogel respektvoll die Freiheit, seinen eigenen Zeitpunkt und Ort zum Sterben zu wählen. „Das habe ich“, sagt Uldren und wendet den Blick ab. Ihr Stolz und Respekt machen ihn befangen. „Mutter beschloss, mich zu begleiten.“ Maras Herz wird von Emotionen zerrissen. Einerseits möchte sie sich mit ihrer Mutter zusammensetzen und sie mit Fragen löchern, andererseits fürchtet sie sich vor Osanas durchdringender Einsicht. „Was bringt dich in mein bescheidenes Lager, Mutter?“ „Lügen“, sagt Osana. „Lügen und Geheimnisse. Und das Mädchen, das nicht meine Tochter sein wollte, und zwischen beidem nicht unterscheiden kann.“ „Ich kenne den Unterschied zwischen einem Mädchen und einer Tochter“, sagt Mara, und versteht Osana absichtlich falsch. Vom goldbraunen Fleisch tropft zischend Fett in die Flammen. Ihr Magen knurrt. „Deine Tochter nimmt am Ende des Laufs deine Bürden auf und lebt das Leben, das du ihr beigebracht hast. Das würdest du nicht wollen, Mutter. Denn dann wäre es alles deine Schuld.“ „Da hast du Recht“, seufzt Osana. „Aber du weißt, was ich meinte.“ Uldren blickt von einer zur anderen und runzelt die Stirn. „Mama, worum geht es?“ „Deine Schwester ist gerade dabei, zuzugeben, dass sie hinter allem steckt. Ist es nicht so, Mara?“ Sie zieht die Fasane vom Grillspieß und leckt den heißen Bratensaft von ihren Fingern. Wenn sie den Mund aufmachen würde, müsste sie vor Angst schreien. Was bedeutet das ‚hinter allem‘? Wie viel weiß Osana? „Die Eccaleisten sind ihre Schöpfung“, erklärt ihre Mutter ihrem Bruder. „Die Diasyrm war ihre Marionette. Sie ließ den Theodizee-Krieg zu, weil sie befürchtete, dass wir es uns hier zu bequem machen würden—und damit Königin Alis ihre politische Unterstützung benötigen würde. Mara durfte aber nicht als radikalste Stimme wahrgenommen werden. Sie musste den Anschein eines moderaten Standpunkts erwecken, damit ihre Ansichten salonfähig wären. Ist es nicht so, Mara?“ Mara gräbt eine Hand in den warmen Boden, um nicht vor Erleichterung zu straucheln. Mutter weiß nicht alles. „Soll ich euch eine Portion abschneiden?“, fragt sie, mit dem Fraktalmesser in der Hand. Uldren hat diesen Ausdruck in den Augen. Er weiß, dass Mara seine Fragen niemals direkt beantwortet. Indem sie Osanas Frage ausweicht, gibt sie ihm zu verstehen, dass es an Uldren wäre, die Frage stattdessen zu stellen. „Sieht lecker aus. Aber Mutter hat mich neugierig gemacht. Warum hast du immer so fern von uns anderen gelebt, Mara? Das mit dem Berggipfel, habe ich verstanden. Über dir erstreckte sich ein völlig neuer Himmel, den du vermessen wolltest. Aber jetzt? Warum versteckst du dich im Wald wie eine ... eine Eremitin? Eine Ketzerin?“ Aus demselben Grund, aus dem sie auf dem Rumpf gelebt hat. Aus demselben Grund, warum sie Uldren niemals wirklich an sich heranlassen kann. Es liegt Kraft in der Abgeschiedenheit und sie schützt vor den politischen Kleinlichkeiten weltlicher Mächte, durch die sich die Herrschenden als gewöhnlich und engstirnig offenbaren. Die Erwachten haben eine Königin, weil eine Königin rätselhaft bleiben kann. „Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich geboren wurde“, sagt sie. „Was ist mit dir, Bruder?“ Er zuckt vor ihrem Blick zurück. Er erinnert sich an die Yang Liwei und das in der Dunkelheit verschwindende Band. Er erinnert sich, wie gepeinigte Muskelstränge von der Schwerkraft ins Unendliche gedehnt wurden. Er erinnert sich an die Wahrheit, die wohl nicht einmal Alis Li kennen darf. Mara sieht seinen Moment der Qual, die wiederkehrende Offenbarung, als er an ihr Verbrechen denkt und sich davon durchbohren lässt, wie von einem Speer, und dann alles wieder tief vergräbt. Osana nimmt sich Fasanenfleisch und rollt es in der Schüssel mit süßen Kochnüssen herum, die ihre Tochter zubereitet hat. Die Sterne gehen über den Bergen auf und die Vögel des Waldes singen. „Dies ist ein guter Ort“, sagt sie. „Diese Welt. An was du dich auch aus unseren vorherigen Leben erinnern magst, Mara ... ich weiß, dass nichts davon so gut gewesen sein kann.“ „Nein“, sagt Mara. „Aber ihr wart beide bei mir. Ich hoffe, das werdet ihr immer sein.“ „Immer“, verspricht ihr Bruder. „Langt ordentlich zu“, Mara klatscht in die Hände und steht auf. „Morgen brechen wir auf.“ „Wohin?“, fragt ihre Mutter. „Ich muss mich um einige Sternenkarten kümmern.“ Und auch um Häresien. Und einen neuen Krähenadler für ihren trauernden Bruder auftreiben.