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Traditionen sind wichtiger als du

Als Tess mir erzählte, dass die Androiden den Anbruch im neuen Turm organisiert hatten, während ich auf der Farm war, dachte ich, dass sie das doch nicht ohne mich machen konnten. Doch dann sagt ich mir: Eva, diese Traditionen sind wichtiger als du. Sie leben in den Herzen und Köpfen der Leute, die sie von Generation zu Generation weitergegeben haben! Jetzt bin ich wieder zurück im Turm und versuche dabei zu helfen, das bisher schönste Anbruch-Fest auf die Beine zu stellen. Und ich führe eine Tradition weiter, dich ich jedes Jahr wiederholen werde: Ich bitte Ikora, den Anbruch-Kristall zu machen und ich bitte sie solange, bis sie es tut. Ich mache einen Termin mit ihr aus, um die Dekorationen zu besprechen, aber ich weiß, dass sie sehr beschäftigt ist mit wichtigen Vorhut-Angelegenheiten. Deshalb halte ich mich etwas zurück, als ich mich ihr nähere und leise Stimmen höre. Statt einfach vorzupreschen, recke ich nur den Hals ein wenig. Ikora murmelt – sie hört sich beinahe wütend an. „Anbruch-Dekorationen! Ich habe keine Zeit für alberne ...“ Eine männliche Stimme sagt: „Es ist nicht ‚albern‘. Die Leute brauchen das. Ich weiß, das ist hart für dich, weil es dein erster Anbruch ohne Cay...“ „Sei still, Ophiuchus. Sofort.“ Ich kann weder sehen, mit wem Ikora spricht, noch kenne ich diesen Namen, aber Ikoras Stimme war scharf. „Ich habe andere Sorgen. Was ist mit den aktuellsten Berichten aus der Wirrbucht? Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Und meine Verborgenen haben berichtet, dass sich in unserer Nähe Ärger zusammenbraut ...“ Ich bemerke, wie ihre Augen über den Hauptweg wandern – bis hin zu einer Nische mit einem fast heruntergelassenen Tor. „Ja, Ikora. Aber ...“ „Und von Osiris höre ich auch nie etwas. Nicht, dass ich das erwarten würde, aber ...“ Sie schüttelt den Kopf. „Bei allem Respekt, wieso schickst du ihm nicht einfach eine Nachricht?“ „Das könnte ich, aber ich habe einfach nicht die Zeit ...“ Sie hält inne. „Eva Levante!“ Ich gehe mit extra lauten Schritten und raschle mit den Entwürfen für den Anbruch-Kristall, als ich mich ihr nähere (ich will ja nicht, dass sie denkt, ich hätte gelauscht). Ikora beäugt mich mit verschränkten Armen. Ihr Geist schwebt neben ihrem Ohr und surrt aufmerksam. „Fröhlichen Anbruch, Ikora Rey!“, beginne ich unser Gespräch. Sie kann an meinem großen Lächeln und an der Tatsache, dass ich die Entwürfe mit Bestimmtheit vor ihr ausbreite, sehen, dass diese Sache schneller über die Bühne geht, wenn sie einfach Ja sagt. Sie respektiert unsere Tradition jedoch; zunächst sagt sie zweimal Nein und dann sagt sie „Ist gut, Eva, ist gut“. Sie glaubt jedoch nicht, dass der Kristall von Bedeutung ist; sie weicht meinem Blick aus, aber ihr Geist – ich kann sehen, wie er mir mit seinem Auge zu blinkt. Der Entwurf, den sie als Vorlage nehmen will, ist unglaublich. Wir planen, dass wir uns wieder treffen, wenn sie damit fertig ist und so sehe ich sie auf dem Basar, während ich mit meiner Assistentin Malia ein paar Dinge erledige – es gibt noch so viel zu tun! Als wir uns ihr nähern, sind Ikora und ihr Ophiuchus dicht beisammen. Sie schüttelt immer wieder den Kopf. Doch dann hebt sie ihre Arme, und plötzlich taucht ein riesiger Anbruch-Kristall im Himmel über dem Turm auf und funkelt wie eintausend Diamanten in der Luft. Malia keucht. Noch nie war sie so weit oben im Turm gewesen und sie hat den Anbruch-Kristall auch noch nie aus der Nähe gesehen; nur von der Stadt aus. Sie lässt sämtliche Pakete fallen, die sie trug. Die Vorhut der Warlocks hilft Malia dabei, sie aufzuheben und stapelt dabei ein Paket auf das andere, bis sie bemerkt, dass Malia sich keinen Zentimeter mehr bewegt und sie nur noch kniend anstarrt, ihre Augen auf die Hände gerichtet, die gerade Licht im Himmel entzündet hatten. Das vernarbte Gesicht des armen Mädchens glänzt vor Tränen und sie wischt sie mit ihrem Ärmel von den Wangen, aber sie wollen nicht versiegen. Malias Familie ist während der Roten Schlacht aus der Stadt geflüchtet. Sie haben zwar überlebt und ein neues Heim gefunden, aber trotzdem gab es nicht allzu viel Schönes in ihrem Leben. Malia berührt Ikoras Arm und stottert ein Dankeschön. Ihre Wangen werden dabei so rot wie ein Nadelkissen. Dann knie auch ich mich hin (heutzutage geht das nur etwas langsamer), um Ikora die Pakete abzunehmen – alle, außer einem, das mit einem goldenen Band umschlungen ist und das Symbol eines Auges umgeben von einer Sonne trägt. Ich nicke und drücke es ihr in die Hände, dann höre ich Ikoras Geist flüstern: „Ich habe es dir doch gesagt“. Und Ikora antwortet: „Das hast du.“ --- Reisender-Quarkbällchen: Mische Kabal-Öl und Geistesblitz, füge Anbruch-Essenz hinzu, dann backe alles.