VI: Ein Geschenk und ein Hauch von Grau
Die Waffe fand ihren Weg zu dir? Wie fühlt sie sich in deiner Hand an? Nur wenige können ihre Flamme entzünden, aber alle Lichtgeborenen können ihren Namen aussprechen. Dies ist ein Geheimnis, das ich hüten muss. Wisse nur, dass du sie dir redlich verdient hast. Die Waffe, die du hältst, ist deine, aber sie ist keine Replik, sondern ein Geschenk von einem Freund.
Ich jage Lakaien der Dunkelheit länger als ich es wissen will. Von meiner Kindheit bis jetzt, nicht ununterbrochen, nicht immer, aber doch so beständig, dass es mich definiert. Meine Motivation ist schon seit Langem glasklar: Suche die Schatten auf und du gibst deine Zukunft auf, suche die Dunkelheit auf und ich werde deinem Leben ein Ende setzen. Es ist nichts Persönliches, jedenfalls nicht mehr, doch so fing es an und war so bis eines Tages irgendwo auf einem einsamen Bergkamm. Mittlerweile hast du sicher die Ballade von Jaren Ward und seinem Letzten Wort gehört, von Dredgen Yor und Palamon—Durga, Velor, Nordkanal, von Thalor und Pahanin, von unserer Jagd und Jarens Tod, von Dwindlers Höhe und meinem endgültigen Showdown mit dem Mann, der ein Monster werden würde. Es ist eine lange Geschichte und ich bin nicht daran interessiert, sie zu wiederholen. Nicht mehr. Es sind alte Kapitel. Wir schreiben ein neues, du und ich; ein letzter Akt für mich und einen unerwarteten Anfang für dich.
In meinem Leben drehte sich schon immer alles um Absolutes. Es gibt Licht und es gibt Dunkelheit und ich habe es zu meiner Berufung gemacht, mich gegen die geflüsterte Korruption des Schattens zu stellen. Einen Mittelweg gab es für mich nicht, obwohl ich wahrscheinlich wusste, dass er existiert. Ich habe zu viele „Helden“ gesehen, die sich von finsterem Schicksal verleitet haben lassen und die schrecklichen Konsequenzen, die aus ihrer Ignoranz, ihrem Stolz und Selbstsucht geboren wurden. Viele habe ich ausgelöscht. Viel mehr als jemand weiß. Mehr als ich jemals zugeben würde. Dich zu sehen, dich zu beobachten – daraus schließe ich, dass ich richtig gehandelt habe. Aber ich habe erkannt, dass meine Kernannahme falsch war, mein Kernglauben.
Für mich gab es immer nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse. In dir sehe ich blendendes Licht. Reinsten Heldenmut. Ich sehe die Hoffnung, die du erweckst.
Doch ich sehe auch, nur vielleicht, etwas Grau.
Und damit sehe ich auch ein Ende für letzte Riten und letzte Worte.
—S.