Das Tor
Die Scout-Rakete explodiert weniger als 100.000 Kilometer von Kokytos entfernt: ein Nadelstich an Antimaterieverwüstung, die tausende von bombenangetriebenen Lasern auflädt, um die Leere mit Licht zu füllen. Einer dieser Strahlen trifft das Korsarenschiff, durchdringt das Tarnsystem und reflektiert.
Sie wurden entdeckt.
„Lavinia“, ertönt die Korsarin über Funk. „Ich wurde entdeckt. Ich muss hier weg.“
„Das war nicht unser Deal!“, brüllt Lavinia, während sie vor einem surrenden Portal nervös auf- und ab schreitet. „Du hilfst mir, auszubrechen, du bringst mich hier hin und du bringst meine Entdeckungen in die Stadt! Ich brauche noch zehn Minuten–“
„Keine Zeit, die Königlichen Garde ist im Anmarsch. Hättest halt nicht im Voraus bezahlen sollen, Kryptarch.“
Die Übertragung wird zu digitalem Rauschen, als das Korsarenschiff davon saust.
Lavinia flucht und schlägt sich die behandschuhten Hände gegen den Helm. Sie ist in Kokytos gefangen! Als die Erwachten das letzte Mal jemanden hier zurückließen, verloren diese armen Seelen völlig den Verstand. Die zum Untergang verurteile Crew des Toten Orbit-Schiffes Sophia hatte diesen Ort A113 getauft, eine harmlose Katalognummer; wie hätten sie auch ahnen können, dass die Tore an Bord—einst ein Goldenes Zeitalter-Experiment—von der Schar-Gottheit Crota eingenommen worden waren. Diese Tore hatten sie alle verschlungen.
Jetzt ist Crota weg, und Lavinia hat alles darauf gesetzt, dass die Tore in andere Hände gefallen sind. Ahamkara lassen das Nichtreale real werden—Calus‘ Schiff ist von unwirklicher Dunkelmaterie umhüllt, wie ein Kreis aus sich vortastenden Händen, Hüter können die Realität selbst manipulieren—hier gibt es ein Muster, eine Story und sie führt zu Kokytos, dahin, was diese Tore tun könnten.
„Logs.“ Sie blättert hektisch durch die Aufzeichnungen der Erwachtenwächter, die einst hier stationiert waren. Kokytos wurde zurückgelassen, als die Rotlegion angriff, alle Verteidigungen wurden zu Vesta zur Verstärkung geschickt. „Was kam aus den Toren, was hast du gesehen?“
//EVENT 1 ZEIT 00:00:00 Portal 3 stieß einen Wasserstoffatomkern aus. In 72 Stunden wurden der diatomische Wasserstoff zu Stickstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasser sowie einfachen organischen Molekülen. Um die 80 Stundengrenze war es ein Kügelchen aus tiefschwarzem Kohlenwasserstoff-Teer. Bis 82:34:15 stieß das Tor Teer aus komplexen Monomeren und Polymeren aus—
„Komm schon!“, brüllt Lavinia, panisch weiter blätternd. „Komm, du verdammtes Ding, gib mir was Richtiges, gib mir die Neun!“
//EVENT 1 ZEIT 524:03:11 Portal 3 stieß einen lebenden Organismus aus. Sofortiger Tod trat ein. Das Autopsie-Team berichtet von einem runden Körper, Radius 1,1 Meter, der sich aus dem Kohlenwasserstoff-Teer schälte. Tiefe, gleichmäßig verteilte „Kehlen“ kamen in einem zentralen Hohlraum zusammen, vielleicht sollten sie Lunge und Magen sein. Der Körper besteht aus einheitlichem Gewebe aus primitiven Zellen. Ein einfacher, krampfartiger Reflex drückt Luft in die Kehlen. Ohne Enzyme, um einen Stoffwechsel zu katalysieren, konnte der Organismus nicht überleben. Zellentod trat sofort in der gesamten Masse ein. Es gab keine Möglichkeiten für Selbstreparatur oder Reproduktion.
Lavinia liest das alles noch einmal, voller Schrecken und Faszination zugleich. Irgendetwas auf der anderen Seite des Tors lernt, wie man Atome, Moleküle, ja, sogar wahlloses Leben zusammensetzt … Etwas aus einer Welt voller Dunkelheit und Staub, das versucht einen Weg in unsere strukturierte Existenz zu finden, das eine Nachricht zusammenbastelt, einen Boten, einen Körper …
Die Neun befinden sich auf der anderen Seite des Tors, da ist sie sich sicher. Sie hat sie gefunden.
Aber die Neun direkt treffen … wäre das Wahnsinn? Gäbe es eine Rückkehr? Würde sie die Stadt jemals wiedersehen?
Doch sie ist schon soweit in ihrer Wahrheit gekommen.
In ihrem Helm ertönt ein Alarm. EINGEHENDER TELEPORT, warnt ihr Anzug. EINGEHENDER TELEPORT. Ihr Funk bellt sie an, so streng wie Ikora Rey: „Kryptarch Lavinia Garcia Umr Tawil.“ Es ist Paladin Rior. „Sie haben gegen das Gesetz der Königin verstoßen. Ergeben Sie sich, dann wird Ihnen eine faire Behandlung zuteil.“
Lavinia starrt in das gähnende Tor. Dahinter liegt ein Reich absoluter Dunkelheit und Auflösung, ein Ort, an dem nichts existiert außer den fremdartigsten Kreaturen. Dorthin zu gehen wäre Selbstmord. Sie würde genauso sterben wie diese arme Teerballkreatur.
Aber was gibt es schon hinter ihr? Versagen? Aufgabe? Scham? Ein Leben in einer Zelle?
„Glücks-Lavinia“, spricht sie zu sich selbst und springt mit einem Satz hindurch.