Ein ganz normaler Tag im Turm
Die hochgezogene Augenbraue sprach Bände.
Eva Levante grinste, was ihre sonst so todernste Miene beinahe aufhellte. Der Auftrag war simpel: ein Shader zur Feier des SIVA-Vorfalls. Aber Zavalas Vorschlag ...
Ihre Begleiterin hielt ein Stück Stoff hoch, das eine grauenhafte Farbkombination aus Neongelb und Blutrot hatte – was schon schlimm genug gewesen wäre, aber das Ganze war auch noch von übelkeitserregenden Streifen umrahmt. Tess seufzte. „Er bringt die Schar zum Erzittern, aber diesen Mann sollte man niemals in die Nähe eines Farbkastens lassen.“
Die beiden Frauen lachten immer noch, als ein Beben den Turm erschütterte. Sie drehten sich gleichzeitig in die Richtung, aus der das darauffolgende Geräusch kam – ein donnerndes Grollen aus der Ferne, wie sie es noch nie zuvor gehört hatten.
Aus dem Lautsprecher in dem kleinen Lagerraum, den sie zu ihrem Treffpunkt gemacht hatten, plärrte es: „Evakuierungsbefehl 77 ist aktiv. Das ist keine Übung. Alle Zivilisten sollten sich sofort zu den Evakuierungsbereichen begeben.“
Tess ging zur Tür und drückte sie auf, als eine weitere Explosion – dieses Mal viel näher – sie erneut erschütterte. Rauch und Schreie füllten den Gang.
Evas Erinnerungen an das, was danach folgte, waren durcheinander. Sie rannte schwer atmend mit Tess. Sie erinnerte sich daran, die Namen ihrer Cousins gemurmelt zu haben, voller Sorge um ihr Wohlbefinden unten in der Stadt. Dann fand sie sich in einer großen Menge wieder, Tess fiel zurück, während Eva nach vorne gedrängt wurde.
Eine weitere Explosion und eine Brandschutztür schloss sich. Tess war fort und Eva fand sich mit ungefähr dreißig Leuten in einem kleinen Frachtdock zwischen Turm Nord und der Halle der Hüter wieder. Ein Mann versuchte eine Tür zu öffnen und schrie, dass diese versiegelt sei.
Dann brach die Decke ein, als eine riesige Kugel einschlug. Kabale entstiegen dem Pod und kämpften mit ihrer klobigen Rüstung, als sie begannen, auf die Zivilisten zu schießen.
Genau in diesem Moment traf sie ein blendender Energiestoß von hinten. Das Geschrei hörte sich nach zehn Mann an, aber als Eva wieder sehen konnte, war da nur ein riesiger Hüter, der einen Kabal-Soldaten mit einer Klinge auslöschte, die so groß wie Eva war.
Das behelmte Gesicht von Lord Shaxx drehte sich nach rechts und links, um sich im Raum zu orientieren. Mit zwei großen Schritten war er an ihrer Seite angelangt und half ihr mit überraschender Sanftheit auf die Beine.
„Madam“, begann er und sie konnte den Bass seiner Stimme in ihrer Brust fühlen. „Ich brauche deine Hilfe.“
Auf sein Drängen hin übernahm sie die Kontrolle über die Zivilisten, während er sich an die Spitze ihrer kleinen Gruppe begab. Mit der Selbstsicherheit und der stärkenden Präsenz des Schmelztiegel-Meisters als Unterstützung war es ein Leichtes, die anderen zur Ruhe und Konzentriertheit zu bringen. Als sie die Evakuierungsstelle erreichten, wartete dort ein Trio nervöser Hawk-Piloten mit ihrem Schiff.
Als der Letzte der Gruppe an Bord ging, legte Shaxx eine schwere Hand auf ihre Schulter. Er ragte vor ihr auf und sagte einfach: „Kameradin.“ Und dann war er fort, zurück in die Schlacht, mit seinem riesigen Schwert über der Schulter. Als das Schiff startete, warf Eva einen letzten Blick auf den Turm und sah Schutt und Asche.