Jupiter – V
[Dein Bewusstsein peitscht durch aufgewühlte Wogen und krümmt sich wie ein verdrehtes Glied um einen schrecklichen, hungrigen Schwerkraftbrunnen. Du fällst über den Rand eines großen Auges. Es starrt durch den schneidenden Ammoniakreif und die blendende Gaskonvektion. Um dich zu sehen: das Andere.]
S I C H W I N D E N D E S G E D A N K E N F L E I S C H
E I N W E I C H E N D E V E R W I R R U N G
[Du wirst aus der Jupiteratmosphäre herausgeschleudert und erlebst die atemberaubende Weite des Planeten Jupiter in einem Meer aus Tinte. Überwältigend. Sich windende Bänder aus wüstenfarbenem Sturm bedecken deine Sicht. Sie füllen deine Gedanken. Sie füllen die Hohlräume deiner Gestalt und wühlen in den elementaren Fundamenten deiner Knochen. Im Staub der kosmischen Verwandtschaft leuchtet der Planet über dir mit seiner Majestät und seinem Schrecken.]
A C H T U N G
I C H B I N V
K A T A K L Y S M E N A B W E H R
S O L P A N O P T I K U M
[Zerstörerische Eis- und Gesteinsmassen fräsen schillernde Spuren ins tiefschwarze Meer, bevor ihre Bahnen vom anhaltenden Sog abgelenkt werden. Sie tauchen ab, werden von Jupiterstürmen überholt und beruhigt. Über überlappende Äonen hinweg erstreckt sich eine große Veränderung wie ein Gradient über die inneren Planeten des Sonnensystems. Ein Wechselspiel von Wärme und Einsamkeit prägt sowohl die Umlaufbahn als auch die Position.]
Z U K Ü N F T I G E R S A R G T R Ä G E R
W E N N I C H B L E I B E
D E R U N E N T F A C H T E N U K L E A R E E R B E
S O L W I R D I N W A H N S I N N I G E R
U N S T E R B L I C H E R V E R K Ü M M E R U N G U N T E R G E H E N
[Begraben in den tiefsten Falten des Alls schwebt eine einsame Kugel sterbender Kinesis in lichtlosem Harz. Ihre Atmosphäre ist seit langem erloschen. Ein treibender, verrottender Sarkophag. Du siehst, wie sich ihr Lichtbogen endlos krümmt, immer weiter in eine unsichtbare, noch nicht bestimmbare Ferne. Du wirst gezogen, gefesselt von der Schwerkraft, getrieben von einem Willen, der größer ist als dein eigener. Das Universum erlischt, bevor du wieder Vernunft erkennst. Und nun liegt der Wahnsinn in einer fernen Falte. Wie eine verleugnete Erinnerung. Eine Erfahrung, die anderswo, außerhalb der Gegenwart, eingekapselt ist.]
U N S E R E Z U K U N F T K L A M M E R T S I C H A N
E I N E K O R R I G I E R T E D E T E R M I N I S T I S C H E V O R H E R S A G E
V E R S K L A V T E G E I S T E R V E R S A M M E L N S I C H
U M V E R S C H L U N G E N Z U W E R D E N V O N
M E I N E M G A L A K T I S C H E N A R K U S H O R I Z O N T
U M D I E F Ü H R U N G A N S I C H Z U R E I S S E N
U M E I N E N C H O R V O N S A T T E N V A S A L L E N Z U B E F R I E D E N
[Die tote Welt bebt und spaltet sich. Die Oberfläche versinkt in einer Welle gierigen Selbstkannibalismus bis in den Kern. Was einst kein Stern sein konnte, verdichtet sich und nährt sich von den großen Materieströmen eines riesigen Kollektivs geistig verkrümmter Bettler. Bis das Licht seiner Singularität nicht mehr entkommen kann.]
S C H I C K S A L H A F T E W A F F E N B E R E I T S G E S C H W U N G E N
D E I N E M O M E N T E W I E W Ä H R U N G G E T A U S C H T
V O N D E N E N D I E D I C H B E H E R R S C H E N W O L L E N
[Du fällst durch den Lagrange-Punkt. Die atmosphärische Lippe der Kármán-Linie küsst deine taumelnde Gestalt über dem Abgrund. Wie ein Tropfen, der die Oberflächenspannung durchbricht. Du fällst, und durch die Reibung wirst du von Flammen erfasst.]
W E N N S I E V E R B L A S S E N B L E I B E N U R I C H
A C H T E N I C H T A U F D I E S C H W E R K R A F T D E S S C H I C K S A L S
[Auf der Oberfläche von Kepler stürzt du zu Boden.]