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Injektion

X. Eris Morns Körper zuckt und bricht zusammen. Der Schweiß auf ihrer Stirn strömt zurück in ihre Poren und gräbt sich ein wie glänzende Maden. Plötzlich erklingt ein Geräusch, als würde ein einzelner Knochen auf eine Metallplatte schlagen, und in einer dunklen Pause zwischen zwei Feuerwerksexplosionen verliert ihr Körper jegliche Form, fällt schlaff in sich zusammen, wie ein im Wasser treibender Lappen, um dann urplötzlich eine starre flache Scheibe aus Leder und Haut zu bilden. Aus dieser Scheibe stößt eine lange schwarze Nadel hervor und die Haut um sie herum kräuselt sich in spiralförmig wuchernder Struktur zu einer abscheulichen vierdimensionalen Wellenform, die von rein monistischen Prozessen nie geschaffen werden könnte. Aus der Nadel, wie durch eine tödliche Injektion in die Welt entsandt, tritt die ausgemergelte Pracht von Dûl Incaru. „Ich muss dir die Wahrheit verraten“, singt die Schar-Hexe mit einer Stimme, bei der selbst die Terme einer Gleichung voreinander fliehen würden, um sich in den Matrizen entfernter Mengen zu verstecken, auf dass die Arithmetik selbst zusammenbricht. „Diese Räume sind zur Belohnung des Siegers konstruiert. Es gibt hier keine Quria. Es gibt weder Vex noch irgendeine Verschwörung, um freizugeben, was von meinem Onkel besessen ist und nun meiner Königin dient. All diese Lügen sind Teil meiner Thronwelt, nach der du gesucht hast. Ist mein zyklischer Tod nicht der Antrieb, der dich immer und immer wieder herführt auf der Suche nach Antworten? Somit gehört mir der Teil deines Geistes, den du der Suche nach der Wahrheit verschrieben hast.“ „Willst du mich nach meiner Mutter fragen?“ Der verzierte Kopf zuckt auf fremdartige Art und Weise. Die pilzartigen Schultern schlackern unter ihrer Rüstung. „Ist es sie, die du suchst? Hexenkönigin Savathûn, Erzentropin, Königin der Chiffren, die Schwarze Nadel, Vorsitzende des Hohen Zirkels, Emanzipatorin der Würmer, das fehlende Teil aller Puzzles – diejenige, die den Kosmos zu einem unendlich schrumpfenden Ei schwinden lässt?“ „Soll ich dir von dem Schicksal berichten, das sie dir zugedacht hat? Vom rechten und einzigen Schicksal, das Medusa vorhergesehen hat und zu dem dich all deine Prinzipien und Vorsätze führen werden? Soll ich die Wahrheit meiner Rolle in dieser ewigen Stadt und den neuen Weg, den ihre Schar einschlagen wird, verraten?“ „So sei es. Du sollst wissen, doch es wird dich verdammen.“ Vers 154i:3—Ihr neuer Pakt In grauer Vorzeit sprach ihr Bruder Oryx gemäß der Bestimmung, die Savathûn ihm zugedacht hatte. Und so sprach Oryx: „Der Wurm im Inneren verlangt Tribut. Tötet, was ihr könnt, und nehmt, was ihr zum Wachsen braucht – oder für eure eigenen Zwecke, so ihr euch traut – und gebt ein Zehnt an das, was euch beherrscht. So steigt der Tribut die Kette hinauf und der Überschuss sammelt sich ganz oben, im Unterschied zum Fluss, der ins Meer mündet.“ Doch Savathûn, die sich weder eine Kette noch Tribut wünschte, schickte sich an, einen geheimen Weg zu bahnen, um die Würmer ihrer Brut zu füttern. So wollte sie der Falle entkommen. In ihrer bescheidenen Arglist, die sie nur zu gerne unter den Tisch kehrt, um nicht zum Ziel von Hohn und Geschwätz zu werden, versammelte sie etliche ihrer Aszendenten, die in Gefahr schwebten, von ihren eigenen Würmern verzehrt zu werden. Dann stieß sie sie durch einen Riss in eine Umlaufbahn dicht um ein Schwarzes Loch herum. Gefangen im Griff der Schwerkraft verstrich die Zeit nur langsam für sie. „Seht, wie zufrieden ihre Würmer sind“, stellte Savathûn fest, „denn ihr Hunger wächst nur langsam, während ihre Diener Tribut im gewohnten Tempo zollen.“ Doch die Würmer spürten die Täuschung und steigerten ihre Forderungen. Und so wurden die kreisenden Opfer verzehrt und ihre Überreste stürzten in den Ereignishorizont, aus dem nicht einmal die Schar zurückkehren konnte. Nun ergriff Savathûn Besitz von der Vex Quria, deren Erschaffung sie insgeheim arrangiert hatte. Doch sie fürchtete, dass Quria sie im Auftrag des wissbegierigen Oryx ausspionieren könnte. Also führte sie ihren Teil der Schar in ein Schwarzes Loch und sagte: „Geschwister, hört, wir müssen uns eine Weile trennen, um unabhängig zu wachsen.“ „Nun setzen wir alles auf die List“, sagte sie, deren Lügen die Wahrheit zu beugen vermochten. „Tötet euch gegenseitig, auf dass ich Tribut ernten und einen neuen Pakt für euch schmieden kann, der euren Anspruch auf Existenz begründet.“ Dies gefiel Ur, dem Immerhungrigen, dessen Beiname ein Interesse an Zeit und Appetit verriet. Ur bewunderte ihre List, denn sie nutzte den Tribut, um Quria den Einsatz von Schar-Magie als Rechenorakel zur Lösung unlösbarer Probleme zu lehren. Eines dieser Probleme war die Steuerung und Konstruktion der Singularität. Dann wechselte Savathûn von ihrer Thronwelt zur Singularität, blickte auf sie herab und verstand. „Auf diesen Ort werde ich meinen Plan stützen. Aiat.“