II. Theorie
Ikora zieht einen dicken, schwingenden Strang-Faden aus der Luft und dreht ihn mit Leichtigkeit zwischen ihren Fingern. Er windet sich unter ihrem Einfluss, formt sich aber geschmeidig mit ihren immer klarer werdenden Handbewegungen.
Der Schleier schwingt im Takt mit den Wellen der Spannung, die über ihre Knöchel rollen. Sie konzentriert sich auf die subtilen Unregelmäßigkeiten jedes Taktes und auf das Muster, das daraus gebildet wird. Ein leichtes Echo hallt durch die Wände des Raumes hinaus, das ihrer Intuition beinahe entgeht, und zerstreut sich im Weltall. Es ist vor allem das, was ihr Interesse weckt.
Hinter ihr wird Osiris von einem animierten Avatar in den Eindämmungsraum des Schleiers geführt. Der Avatar deutet mit einer Handbewegung in Ikoras Richtung und verabschiedet sich.
Osiris beobachtet, wie sich die Wellen vor ihm entfalten und über den Stoff der Realität hinwegrollen, dann zu Partikeln werden und gleich wieder zu Wellen. Er spürt, wie sie ihn umspülen. Er nimmt den Takt wahr, der von Ikoras knackenden Fingerknöcheln ausgeht, und badet im energiespendenden Rhythmus von Strang. Er fühlt sich wieder ganz.
„Sie ist stärker … die Signatur des Schleiers.“ In Ikoras Stimme ist ein Hauch antrainierter Skepsis zu hören. „Seit dem Zeitpunkt, als wir Titan wiedergefunden haben.“
„Das war zu erwarten“, gibt Osiris zurück, der sich jetzt in einem Gewebe aus umherschwebendem Strang, der den Schleier umgibt, befindet. Der Raum um sie herum beginnt zu zittern. „Als Titan zurückgezogen wurde, hat der Schleier das gemerkt. Er schien die Ankunft von Titan zu erkennen.“
Ikora festigt ihren Griff um den Strang-Faden. „Wir haben den Schleier, unsere Geister … was übersehen wir denn? Wenn wir die Verbindung zwischen Titan und dem Schleier enträtseln, ist sie vielleicht das, was wir brauchen, um den Zeugen aufzuspüren.“
„Was ist mit dem Wurm?“, fragt Osiris skeptisch. „Sloane glaubt, dass sie unsere beste Chance ist.“
„Du hast mir beigebracht, wie wichtig es ist, einen Plan B zu haben.“ Ikora sieht ihn ernst an. „Titan, Savathûns Thronwelt, jeder Ort, an dem wir Egregora gefunden haben … Ich habe zwar die genauen Fäden noch nicht entdeckt, aber wenn man an einem zieht, scheinen sie alle zurück nach Neomuna zu führen. Zum Schleier.“
„Du bist etwas vorschnell. Das ist auch einer meiner … nicht so vorteilhaften Züge. Nimbus zufolge müssen wir ‚im Flow sein‘, um Strang zu verstehen; vielleicht ist das beim Schleier genauso.“ Osiris stellt sich neben Ikora, hebt seine Hand und hält sie mit der Handfläche parallel zu den straff gespannten Fäden von Ikoras Strang-Geflecht. „Das Sonnensystem hat sich in gewisser Weise an Titan erinnert. Das Signal des Schleiers wurde stärker, als Titan von der Erinnerung zur Realität wurde; als der Takt des Sonnensystems wieder im Gleichgewicht war.“ Osiris nimmt die Hand wieder herunter und sieht zu Ikora. „Vielleicht müssen wir diesen Takt erst mal finden, bevor wir seine Schläge deuten können.“
„Und wenn wir ihn gefunden haben … sollten wir in der Lage sein, diesen Prozess umzukehren“, antwortet sie. Ikora gibt die Fäden frei und verfolgt die sich windenden Verbindungspunkte, die sich entlang der stoffartigen Stränge der Existenz in Richtung der Wände des Eindämmungsbereichs auflösen. „Wir sind schon zu lange dabei, um zu glauben, dass eine Spur keine Bedeutung hat. Da muss es eine Verbindung geben.“
Ikora seufzt und dreht sich dann zu Osiris um. „Dein Faible, andere zu belehren, kehrt langsam zurück. Obwohl ich denke, dass einige sagen würden, du hättest es nie verloren.“ Sie lächelt.
Osiris schmunzelt. „Komm, gehen wir ein Stück. Lass uns über deine vereinheitlichende Theorie sprechen.“