I. Nachbesprechung
„Sloane?“
Die Stimme von Commander Zavala klingt verzerrt, als befände er sich unter Wasser. Der Schauer, der Sloane über den Rücken läuft, unterstreicht dieses Gefühl noch deutlicher.
Sie weiß, dass sie lange fort gewesen war. Aber sie ist sich nicht ganz sicher, für wie lange – Siochains interner Zeitmesser war kaputtgegangen, kurz nachdem Titan verschwunden war und sie mit sich gerissen hatte. Sloane musste das Voranschreiten der Zeit einzig und allein mit ihrem Bauchgefühl messen.
Das Universum hielt ohne sie nicht still. Das war zu erwarten. Doch Sloane ist fassungslos angesichts der Nachbesprechung von Zavala … Die Worte brechen wie eine Flutwelle nach der anderen über sie herein, bringen sie fast aus dem Gleichgewicht und drohen, ihre Lungen mit Salzwasser zu füllen.
Stasis. Caiatl. Das Haus des Lichts. Savathûn. Die Strahlende Brut. Neomuna.
… Amanda.
Sloanes Gedanken wanderten zurück zu der Zeit der Roten Schlacht. Zu den Rufzeichen und den Scherzen, während Hollidays Hawk über sie hinwegflog. Zum Smalltalk zwischen den Einsätzen. Zu ruhigen Momenten und geteiltem Lachen zwischen dem Stakkato aus Schüssen und dem Brüllen der Jetmotoren. Zu der Freundschaft, die, einen Schlag nach dem anderen, in Marmor eingemeißelt wurde.
Amanda war immer furchtlos. Die Erste, die die Hand hob, und die Letzte, die abends nach Hause ging.
Warum musste sie immer so eine verdammte Heldin sein?
„Sloane“, sagte Zavala erneut.
Sie bemerkt, dass sie die Fäuste ballt. Vielleicht hat sie sogar gezittert. Sloanes Augen fokussieren wieder und blicken in die ihres befehlshabenden Offiziers.
Er sieht anders aus, als sie ihn in Erinnerung hat. Seine Augen erscheinen älter, weiser und gefüllt mit etwas, das sie verunsichert.
Ist es … Mitleid?
Kann er sie sehen? Diese Grube, die in ihrem Magen wächst, diese gähnende Kluft, die sie komplett zu verschlingen versucht? Stellt er ihre Entschlossenheit in Frage? Ihre Fähigkeit, damit abzuschließen und ihre Pflicht an der Front zu tun, damit andere das nicht müssen?
SIEHT ER DEINE SCHWÄCHE?
Erneut ballt Sloane die Fäuste.
„Sir“, antwortet sie. Ihre Stimme klingt unerschütterlich. „Verstanden, Sir.“
Zavala runzelt die Stirn. „Es ist ziemlich viel auf einmal. Falls du –“
„Nein.“
Für einen kurzen Augenblick herrscht Stille. Sloane lässt nicht zu, dass er etwas bemerkt. Zavala nickt.
„Also gut“, sagt er. „Wegtreten.“
Sloane salutiert und kehrt zu ihrem Posten zurück.
Sie würde die Erste sein, die die Hand hebt.
Und die Letzte, die abends nach Hause geht.