Gesichter wie Schilde
Mia van der Venne ist über 200 Jahre alt. Heutzutage laufen Veränderungen schneller ab und man erlebt mehr davon. Veränderungen wie die, dass Ismail nicht in Richtung des echten Mekka beten muss, sondern in die Richtung beten darf, in der Mekka liegen würde, wenn man es von der Erde auf den Titan verlegen würde. Veränderungen wie der Aufstieg und Niedergang des Bray-Personenkults oder die neuen Welten, die der Reisende der Menschheit eröffnet.
Und Veränderungen wie die Frau, die sich Krone 6 nennt.
Sie besitzt den kompakten, endomorphen Körperbau einer durchschnittlichen Mutter, mal abgesehen von den glühenden Augen, den eingesunkenen Wangen, dem gepanzerten Kiefer und dem kahlen Kopf, der mit nadelartigen Sensoren bestückt ist. Der Benzingestank der Titan-Atmosphäre vermischt sich mit dem sauberen, doch beißenden Geruch des Luftschleusen-Sprays, als er heruntergespült wird. Wie alle Exos war sie einst ein Mensch—jemand, der seine fleischliche Hülle für die ungewisse Unsterblichkeit eines Kampfkörpers aufgegeben hat. Mia denkt ungerechterweise, dass sie aussieht wie eine wütende Schaufensterpuppe.
„Willkommen auf der Neu-Pazifik-Arkologie“, sagt Mia. Weit unter ihnen gehen die Lichter der Wohnanlagen nacheinander aus, während ihre Bewohner sich an ihren Kapselstationen melden. Infostände leuchten blau in der Ferne und weisen Herumirrenden den Weg. Hinter ihnen huscht ein Saugroboter über einen Laufsteg.
„Administratorin van der Venne“, setzt die Frau höflich an, „danke sehr für den Empfang.“ Sie wendet sich ab, um einen Ausrüstungsgegenstand aufzunehmen. In der Luft neben ihr leuchtet ein unpersönlicher Höflichkeitshinweis auf: Es ist eine standardisierte Mahnung gegen Substrat-Chauvinismus.
„Hallo, Morgan“, sagt David Korosec, und in seiner Stimme liegt eine Sanftheit, die Mia noch nie gehört hat und die nicht für ihre Ohren bestimmt ist. „Bist du jetzt glücklicher?“
Es scheint, als habe er sehr lange darauf gewartet, diese Frage stellen zu können.
Krone 6 blickt voll menschlichem Erstaunen auf. „David“, meint sie verhalten, „sag nicht, du bist immer noch—“
„Ethiker? Tut mir leid, Morgan. Bin ich immer noch.“
„Dann werde ich nicht mit dir reden“, entgegnet die Exo und wendet sich erneut Mia zu. „Administratorin van der Venne, ich bin aufgrund von SOLSECCENTs Spezial-Sicherheitsprotokoll für extreme Krisen hier. Ich muss Sie bitten, unsere Regeln zu befolgen und unsere Mission nach besten Kräften zu unterstützen.“
Hinter ihr steigt eine Kiste auf acht Beinen aus der Luftschleuse, begleitet von zwei schweigenden Exos. Das Lasttier reicht ihnen Körper-Rüstung und Feuerwaffen: nicht bloß Rauschgewehre oder Rückhaltespinnen, sondern echte, tödliche Waffen mit Kugelmunition.
„Nein“, sagt Mia hitziger, als sie geplant hat, da ihre Gefühle überkochen. „Ich lasse euch nicht mit tödlichen Waffen hinein. Wir sind eine rechtlich autonome Siedlung laut Charta von—“
Morgan zeigt mit einer Klinge auf sie. Die Gewaltandeutung reicht aus, um Mia erschrocken verstummen zu lassen. „Administratorin van der Venne, wir haben es mit einem CARRHAE-WEISS-Notfall zu tun. Als KI-COM-Funktionärin bin ich berechtigt, Gewalt anzuwenden, wann immer ich es für richtig halte. Sollten Sie mich also nicht an mein Ziel bringen und mich nicht unterstützen, so werde ich Sie innerhalb meiner Missionsparameter neu einordnen.“ Sie neigt den Kopf zur Seite. Es sieht sehr menschlich aus. „Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Drohst du etwa, mich zu erschießen?“ Mia starrt die Exo-Frau ungläubig an. Sie hat seit fast 50 Jahren keine Waffe mehr gesehen, und jetzt werden sie nicht nur in ihren Lebensraum gebracht, sondern auch noch auf sie gerichtet.
„Ich werde Sie nicht erschießen.“ Die Nadeln auf Morgans Kopf glitzern. „Aber ich sage Ihnen, dass ich es könnte, wenn ich es für nötig erachten sollte.“
„Das ist völlig falsch!“ blafft David. „Ich kenne dich, Morgan. Du glaubst an die Unantastbarkeit des menschlichen Willens, die Vorherrschaft kundiger individueller Handlungsmacht und den Bedarf an machtvollen Akteuren zur Einwilligung. Die Person, die ich gekannt habe, würde niemals—“
„Die Person, die du gekannt hast, hätte vielleicht Zeit für dieses Gespräch gehabt“, erwidert Morgan hart. Ihr Wortgefecht lässt vermuten, dass eine persönliche Geschichte dahintersteckt, die Mia nichts angeht. „Ich nicht. Administratorin, mein Team wird jetzt Shanice Pells Labor aufsuchen, um unser Ziel zu sichern. Wenn Sie mir helfen, ist die Sache vielleicht schneller erledigt. Wenn nicht, wird die Sache vielleicht schmutziger erledigt. Ihre Entscheidung.“
Natürlich. Natürlich geht es um Shanice Pell, um wen denn sonst?
In Mias Sensorium geht ein stiller Alarm los, wie eine Schlange, die sich um ihr Handgelenk wickelt. Unten in den Wohnblöcken hat einer ihrer Bürger zu viele Kisten gehoben und zeigt frühe Symptome eines Herzinfarkts. Rettungssanitäter sind bereits auf dem Weg, also wird es wahrscheinlich nicht der erste Todesfall des Tages werden. Wahrscheinlich. Das Leben kann so plötzlich enden. Es ist ihre Aufgabe, sich denjenigen entgegenzustellen, die das vergessen.
„Ich werde euch zum Labor begleiten“, sagt sie. „Darf ich annehmen, dass ihr im Pell-Labor Daten sichern wollt? Sollte ich unseren Luftraum abriegeln? Wir befinden uns mitten in—„
„Sie werden gar nichts tun“, sagt Morgan selbstsicher, doch unrichtig. „Ich werde alle Ihre Satellitenverbindungen unterbrechen, bis auf Textübertragungen und einfache Flugtelemetrie.“
„Auf wessen Befehl?“ will Mia wissen. „Mit welchem Recht kann SOLSEC meiner Arkologie ein solches Protokoll auferlegen?“
Morgan verschweigt die offensichtliche Korrektur: Es geht nicht darum, wer das befohlen hat, sondern was.