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Der Zehnte Avatar

Die militärischen Transportschiffe schlagen wie Geschosse durch die Stickstoff-Wolken, wie Plasma-Kunstschüsse inmitten der Evakuierungsflotte über Titan. Als Ishita Bhattacharya-Garcia die Panik in der Verkehrskontrolle endlich beruhigt hat, kann Mia nichts weiter tun, als verärgert in ihrem Büro auf und ab zu gehen und die Eindringlinge in den zivilen Luftraum mit Protesten zu bombardieren. Sie antworten mit knappen Codes. Ihr Büro kopiert die Nachricht des Militärs direkt in ihr Sensorium: „Neu-Pazifik, hier ist Krone 6 im Anflug auf die rückseitige Luftschleuse. Leiten Sie Ihren Verkehr nicht um und schicken Sie eine zivile Kontaktperson, die uns an der Schleuse empfängt. Ende.“ „Das verflixte Militär will doch nur seine Existenz rechtfertigen“, knurrt Mia. Seit der Geburt ihrer Urenkel fällt ihr das Fluchen unfassbar schwer. Durch die Gegenwart des berühmten Ethikers neben ihr wird es nicht leichter. „Du hast Recht.“ Auch Korosec geht auf und ab, hält jedoch drei Schritte Abstand. Er wirkt wie ein Mann, der sich bei jeder Distanz wohlfühlt. „Wenn sie sich wie jedes andere Schiff in den Verkehr eingliedern würden, würden sie damit zugeben, dass ihre Präzision und Eile vollkommen überflüssig sind. Daher ... das hier.“ „Du bist mir ja ein feiner Amerikaner“, neckt ihn Mia. David stammt aus dem Nordamerikanischen Reich, der größten freiwilligen retro-nationalistischen Republik, deren Volk militärischen Prunk und Machtgehabe im Luftraum liebt. Seine großen, tiefgründigen Augen lächeln. „Ich war nicht immer der Gute Mann, weißt du.“ „Stört es dich, so genannt zu werden?“ „Nett, dass du fragst. Ich hasse es! Aber mir gefällt, dass die Leute noch an eine gute Person glauben können. Wenn sie an eine glauben können, dann auch an mehrere.“ Diesmal lacht er nicht nur mit den Augen. Sein Lachen klingt sanft und zuversichtlich. Es lässt nicht erahnen, dass er ständig intensiv darüber nachdenkt, was sein Gegenüber für richtig hält und wie er dieser Vorstellung entsprechen kann. „Dürfte ich dich um einen Gefallen bitten?“ „Natürlich.“ „Ich wäre gern dabei, wenn du die Soldaten triffst.“ Sie sieht ihn erstaunt an. „DU willst Kontakt zum Militär? Nimm es mir nicht übel, David, aber ich halte das für eine bedenkliche Kombination.“ „Ich habe sie gekannt.“ „Wen?“ „Die Frau aus dem Funkspruch. Krone 6.“ Dank ihrer zweihundertjährigen Erfahrung bemerkt Mia gleich den Kummer, den seine ruhige Stimme verbirgt. „Bevor sie hochgeladen wurde.“ „Hochgeladen?“ „Sie ist jetzt eine Exo. Eine Problemlöserin für SOLSECCENT.“ „Tja“, setzt Mia an, „das wird dann wohl ein merkwürdiges Wiedersehen.“ Die Transportschiffe nähern sich so schnell, dass Mia sicher ist, dass sie ins Methanmeer abstürzen und wie Uranziegel untergehen werden. Im Kortexvideo beobachtet sie, wie sie blendend grell in halsbrecherischem Flug heranrasen und nach einem angeberischen Abbremsmanöver mit 30 g genau fünf Meter über der Arkologie-Kuppel schwebend zum Stillstand kommen. Dunkle Gestalten aus Metall springen aus den Transportschiffen. Sie sind der Eiseskälte auf Titan und den 1,6 Atmosphären Druck schutzlos ausgesetzt, doch nichts davon kann ihnen etwas anhaben. Benzin rieselt auf ihre Haut, die aus einer Legierung besteht. Sie bewegen sich mit unmenschlicher Effizienz fort. „Ich fasse es nicht!“ Mia schüttelt angesichts der Absurdität des Universums den Kopf. „Als bräuchten wir transhumane Infanterie, um eine Stadt zu evakuieren!“ Sie geht auf die Tür und den Aufzug zu, doch Xiana McCaig, Ismail Barat und Maury Yamashita versperren ihr den Weg. „Ich weiß“, sagt Mia mit erhobenen Händen. „Ihr weigert euch zu gehen. Ihr bleibt hier bei mir. Ihr wollt retten, was zu retten ist.“ Xiana, die sie insgeheim beeindrucken wollte, ist enttäuscht. Der liebe Maury mit seinen Taucher-Instinkten (lass nie einen Kumpel zurück, halt nie die Luft an) schwillt an vor Stolz: Sie vertraut ihm! Ismail gibt einen leisen, zufriedenen Laut von sich, als habe sich seine Prophezeiung bewahrheitet. Vermutlich hat er gerade eine Wette gegen Xiana gewonnen. „Kommt.“ Mia umarmt ihre eigensinnigen Zöglinge. „Kommt her, ihr schrecklichen Kinder. Ich wusste, dass ihr nicht weglaufen würdet, weil ich es auch nicht tun werde. Ich möchte, dass ihr zum Krisenkommando geht und alles vorbereitet. Ismail, gehen wir davon aus, dass wir die Satelliten verlieren werden; besorg alle Wettervorhersagen, die du kriegen kannst, von der Oberfläche des Titan und dem Raum rund um den Saturn. Maury, versuch herauszufinden, was genau da auf uns zukommt. Xiana, sieh nach dem Duiker und hilf dann Ismail, alles auf lokale Administration umzuschalten.“ Auf dem Weg zur rückseitigen Luftschleuse geht Mia Kameradaten, Statistiken und Telemetrie durch und überwacht die Evakuierung. Vor nicht allzu langer Zeit wären ein paar Millionen ängstliche Menschen der schlimmste Albtraum einer Administratorin gewesen. Heute nicht mehr. Die Bürger von Titan sind mit Spieltheorie und angewandter Gemeinschaftsethik aufgewachsen; um bevorzugte Evakuierung zu betteln ist ebenso undenkbar, wie einen alten Mann in der Bahn zu bitten, seinen Platz aufzugeben. Die Familien von Rigg-Arbeitern und Schifffahrtsmagnaten warten Seite an Seite, bis sie aufgerufen werden, um in Langstreckenkapseln in den Kälteschlaf versetzt und zu Tausenden gleichermaßen still, zerbrechlich und hilflos verladen zu werden. Mia läuft ein Schauer über den Rücken. Sie weiß nicht, warum sie so sicher ist, dass es jetzt vorbei ist mit dieser ruhigen, aufgeklärten Tugend und dem kollektiven Anstand. Aber sie hat keinen Zweifel. „Hast du Angst?“ fragt David leise. „Nicht um mich. Um ... alles. Alles, was wir aufgebaut haben.“ „Wir haben es gut gebaut“, versichert David. „Wir werden uns jetzt von unserer besten Seite zeigen.“