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Brephos II

„Mara!“, ruft der Kämpfer erfreut, als ihn ein Hieb rabiat zum Schweigen bringt. Es ist ein guter Hieb, ein donnernder Aufwärtshaken auf das Kinn. Mara hört, wie seine Zähne knirschen, sich in die Lippen und ins Zahnfleisch bohren. Sie zuckt in stillem Mitleid zusammen. Seine um das Ausrüstungsgestell gekrallten Finger verlieren den Halt und er fällt hinaus in die Schwerelosigkeit, einen Bogen von Blut hinter sich her ziehend. Seine Gegnerin setzt zum Gnadenstoß an, tritt ihm kraftvoll in den Magen, so dass er wie ein menschlicher Torpedo davonschießt. Zusammen stürzen sie in die auf den Boden gezeichnete Trefferzone. Über die Schulter seiner Kontrahentin hinweg grinst Uldwyn Mara schief an. Er kämpft gegen eine große, brutale Frau aus dem Schwerkraftkommando, eine Frau, die sich ihre Myostatin-Gene hat entfernen lassen, und so zu einem riesigen Muskelberg angewachsen ist. Uldwyn hat keine Chance. Er hat dem Kampf aus dem gleichen Grund zugestimmt, aus dem er sich auch für die Amrita-Expedition gemeldet hat—er misst sich am Mut seiner Niederlagen. Daran, was er zu verlieren bereit ist. Er will ihr die Halsschlagader abdrücken. Er wendet den richtigen Griff an, aber das macht keinen Unterschied. Die Frau ächzt, verliert das Bewusstsein und erschlafft—doch Uldwyn kann sich nicht unter ihrem träge hinstürzenden Gewicht wegwinden, bevor er auf die Trefferzone aufschlägt. Die Glocke erklingt. Uldwyn stöhnt, als sein stahlharter Körper die gesamte Masse seiner Gegnerin auffängt. Der aufgebaute Schwung rammt ihn gnadenlos. „Was hast du verloren?“, fragt Mara ihn. Er liegt grinsend da und ringt nach Atem. Blutstropfen in perfekter Kugelform lösen sich von seinem Körper. „Schön, dich drinnen zu sehen. Was hat dich hergebracht?“ Sie und ihr zweieiiger Zwilling beantworten ihre gegenseitigen Fragen niemals direkt. Mara stört sich nicht daran; für sie sind Worte eine miese Verschlüsselung und wer wirklich mit jemandem kommunizieren will, muss sein ganz eigenes, personenspezifisches Kryptosystem entwickeln. Die ideale Aussage wäre nach Maras Meinung eine, die für jeden außer dem gewünschten Empfänger unverständlich wäre, und auch jener sie nur verstünde, wenn er weiß, von wem die Aussage stammt. „Ich hab ein paar Bilder für dich“, sagt sie und schiebt die große Frau von ihm runter, die mit einem matten „Oh, hallo Mara.“ reagiert. „Vollspektrum-Sensorium-Aufnahmen. Du kannst sie gegen die Teile eintauschen, die ich brauche.“ Uldwyn hilft der großen Frau in eine vertikale Position, aber seine Augen bleiben auf Mara gerichtet. Nicht, weil er etwas dagegen hat, ihr zu helfen—er hatte schon immer Spaß am Handeln, am Feilschen, am Tricksen—sondern weil er weiß, welche Art von Schwarzmarkthändler Interesse an diesen Aufnahmen hat. „Wie weit vom Rumpf entfernt hast du sie aufgenommen?“ Wie weit entfernt? Verflucht weit. Um sie herum herrscht Schwerelosigkeit, weil die Yang Liwei ihre Triebwerke für einen Wartungszyklus heruntergefahren hat. Während Uldwyn also an Wettkämpfen teilnahm, stieß sich Mara vom Frontschild der Yang Liwei ab und glitt zehn Kilometer weit in die absolute Leere hinein, gesichert mit nichts mehr als einer hauchdünnen Molekularschnur. Sie leitete das Zytogel ihres Anzugs zum Gesicht um. Und dann, aber nicht eher, überbrückte sie alle Sicherheitssysteme ihres Elastikanzugs und gab den Befehl, dass er in Speichermodus wechseln sollte. Der Anzug faltete sich wie Schuppen zurück und sie schwebte durch das Hochvakuum. Der leere Raum ließ die Feuchtigkeit ihrer Haut verkochen. Ihr Körper schwoll durch den fehlenden Gegendruck an, bis die zweite Schicht ihres Anzugs ihn stoppte. Alarmiertes Zytogel kroch ihre Kehle hinab, Notfall-Sauerstoff zischte: doch nicht genug. Ihre Haut färbte sich durch Zyanose blau. Sie badete in absoluter Leere. Das alles zeichnete sie auf neuraler Ebene auf. Die köstliche Dunkelheit. Das Gefühl der schrecklichen Unabhängigkeit von allem anderen. Es gibt Personen, die alles dafür geben würden, diese Leere zu spüren. „Du musst damit aufhören“, beschwert sich Uldwyn, während die große Frau Mara ehrfürchtig anstarrt. „Mama sorgt sich noch zu Tode.“