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Legenden und Mysterien: Rezyl Azzir

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Rezyl Azzir: Das Geflüster und der Knochen

Etwas in Rezyl sagte ihm, dass er nicht hier sein sollte.

Etwas tief in ihm.

Das Angst ähnelte.

Er kniete sich, um den staubbedeckten Haufen zu seinen Füßen zu untersuchen.

Die Schädel wurden vor langer Zeit unachtsam entsorgt – vor Jahrzehnten, vielleicht sogar länger.

Die Türen, die in den Fels geritzt waren, sahen obskur aus – dunkel, gotisch ... anders ... und riesig.

Der zerklüftete Putz der Torbögen entsprach Kunst, die sein schlechtes Bauchgefühl nur verstärkte.

Rezyl hatte sich auf der Suche nach Albträumem auf den Mond begeben und nach seiner langen Reise—von der wachsenden Stadt unter dem Reisenden zum Ende der Welt und darüber hinaus—fand er sich Angesicht zu Angesicht mit den Überbleibseln von Geschichten, von denen er gehofft hatte, dass sie nur Lügen seien.

Und so stand er da, ein großer Mann, der sich winzig gegen die riesigen Türumrisse abzeichnete.

Der Knoten in seinem Bauch riet ihm, umzukehren.

Stattdessen bewegte er sich vorwärts, den Türen entgegen, die schon seit unzähligen Zeiten verschlossen waren.

Nach nur wenigen Schritten durchschnitt ein schrilles, schweres Kratzgeräusch die Luft.

Die massiven Türen öffneten sich.

Rezyl machte sein Gewehr bereit, als er sah, wie sich eine vereinzelte Gestalt, über dem Boden schwebend, aus der Finsternis schälte.

Die Figur in der Türöffnung, eine ätherisch erscheinende Frau, gekleidet in zerschlissener Feierlichkeit und bewaffnet mit verzierten Knochen, tanzte in der Luft.

Rezyl und die Dämonin wichen nicht vor einander zurück, beäugten sich gegenseitig.

Ohne Vorwarnung wurde die stille Intimität von einem donnernden Wutgebrüll aus der Tiefe hinter der Türöffnung beendet. Der Schrei, voll und schmerzerfüllt, echote durch das schmale Tal und verstummte dann.

Nach einem Herzschlag, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte, zog sich die Figur in die Dunkelheit zurück.

Die Türen verblieben geöffnet – ob Einladung oder Mutprobe, das wusste Rezyl nicht. Allerdings war es ihm auch egal.

Der mächtige Titan machte ein paar Schritte nach vorne.

„Ähm ... Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist?“, äußerte sein Geist voller Bedenken.

„Glaube nicht, dass das eine Rolle spielt.“

„Wir waren hier. Wir haben es gesehen. Vielleicht ist es das Beste, wenn wir die anderen warnen. Eine Armee zusammentrommeln.“

„Vielleicht.“

„Ich sag ja nur, es ist möglich, dass du nicht alleine mit dem fertig wirst, was wir hier verärgert haben.“

„Wir haben Albträume erweckt.“ Rezyls Aufmerksamkeit galt allein der Finsternis hinter der Türschwelle.

„Die Schar sollte gar nicht mehr hier sein.“ Der Geist überdachte die gesamten Konsequenzen seiner falschen Annahme. „Sie verhielten sich still seit—“

„Sie sind nicht mehr still.“

„Dieser Schrei? Diese Türen? Das lassen wir besser in Ruhe.“

„Das kann ich nicht.“

Rezyl schritt weiter nach vorne. Der Finsternis entgegen. Dem Unbekannten entgegen.

„Bleib hier.“

„Wie bitte?“

„Bleib auf Distanz. Wir wissen nicht, was das ist oder was auf uns zukommt. Ich kann es nicht riskieren, dass du etwas Unbekanntem zu nahe kommst.“

„Und wo finde ich dich, sollte dir etwas geschehen?“

„Sollte mir etwas geschehen ... sollte ich nicht zurückkommen ... Lauf. Erzähle den anderen hier von. Warne sie alle. Es gibt Gefährlicheres als Piraten.“

Rezyl machte sein Gewehr bereit und schritt in die Dunkelheit, sein Geist blieb zurück.

—-

Stunden vergingen. Oder sogar mehr? Zeit war an diesem Ort nicht existent, genauso wenig wie jeglicher Hoffnungsschimmer auf ein Versprechen, auf einen Sinn indem Verlangen nach einem besseren Morgen.

Tief unten bei den Schatten gab es kein Morgen.

Tief unten im Abgrund gab es keine Hoffnung.

Rezyls Tritte hallten wider, einsam, vorsichtige Schritte ohne Garantie, Erdboden zu finden. Jeden Moment konnte sich die Erde auftun und er wäre verloren – der vergessene Held, der sich so närrisch aufgemacht hatte, Albträume zu finden.

Dann eine Präsenz. Schwebend und wie aus einem Traum.

Rezyl richtete sein Gewehr auf die Gestalt.

Er konnte die Hexe spüren, doch war es ihm unmöglich, sie in der Dunkelheit zu verfolgen.

Rezyl eröffnete Feuer. Kurze, gebündelte Salven, um den nachtschwarzen Korridor zu erhellen.

Die Dämonenhexe kreiste gerade außerhalb der Reichweite jeder aufglühenden Salve.

Rezyl feuerte immer weiter, nutzte das kurze Aufflackern des Lichts, um Boden wettzumachen.

Die Hexe lachte und eine dichte, schwarze Wolke umgab Rezyl.

Der Titan schoss weiter, aber seine Bewegungsfreiheit war eingeschränkt. Die Wolke umschloss ihn, kerkerte ihn ein.

Er konnte hören, wie sie sich gerade so außer Reichweite bewegte, ihr Lachen wurde schriller und durchschnitt seinen Verstand und seine Seele wie eine gehärtete Klinge.

Rezyl zuckte zusammen, als die Dämonin anfing, in einer Sprache zu sprechen, die eher Folter glich als Sprache.

Der Schmerz war glühend, war umfassend.

Die Dämonin näherte sich dem sich windenden Helden.

Als sie sprach, nahmen ihre brutalen Worte Form an, verformten sich von Todessilben zu bekannten, heimgesuchten Menschensprachen.

Die Dämonin kam ganz dicht heran und flüsterte auf innige Weise.

Als sie sprach, bluteten seine Ohren.

„Ich bin das Ende aller Morgen. Xyor, die Gesegnete. Xyor, die Verlobte. Ich bin der anrollende Sturm. Dies sind nicht meine Worte, dies ist eine Prophezeiung. Eines Tages wird dein Licht zerschmettern und sterben. Im Augenblick ist es nur lästig ... Und du, liebes, süßes, zerbrechliches Ding, sollst für deine Sünden auf diesem heiligen Boden büßen.“

Als die Hexe verstummte, trat an die Stelle ihrer hasserfüllten Stimme ein anschwellender Chor einer hungrigen, gellenden Flut, die wie Donner heranrollte.

Rezyl hatte sich auf die Suche nach Schrecken gemacht, die sich hinter dem Licht versteckten.

Und sie gefunden.

Oder vielleicht ...

... hatten sie ihn gefunden.